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Rezension

Communio Socialis 49. Jg. 2016, Heft 3

Soziale Netzwerke leben von Selbstdarstellung und -inszenierungen. Immer wieder begegnet man aber auch sogenannten Selbstverhüllungen: Personen machen sich für Bekannte zwar erkennbar, indem sie etwa einen Körperausschnitt oder ein bestimmtes Motiv darstellen; für Unbekannte bleibt dies aber bedeutungslos. Welche Motivation verbirgt sich hinter der sichtbaren Selbstverhüllung, wie kann das Phänomen in sozialen Netzwerken theologisch eingeordnet werden und welche Konsequenzen ergeben sich für die theologisch-anthropologische Diskussion? Mit der vorliegenden Forschungsarbeit mit dem treffenden Zitat im Titel möchte Christina Ernst einen Baustein zu einer »Theologie der Social Media« liefern und sie verfolgt dabei zwei Ziele: einerseits »medienethische Theoriebildung« aus theologischer Perspektive, andererseits medienethische Impulse »für Dogmatik, theologische Ethik und Praktische Theologie« (S. 10).
Die Arbeit ist in drei große Kapitel unterteilt. Wie oft bei interdisziplinär angelegten Arbeiten geht es zunächst darum, den unterschiedlichen Disziplinen die jeweils anderen Horizonte zu erschließen. Deswegen untersucht und erklärt Christina Ernst im ersten Teil Strukturen und Merkmale von Social Media im Allgemeinen und geht auf die Funktionsweisen von Sozialen Netzwerken wie z. B. der Kommunikation, der Interaktivität und der Hypertextualität ein. Dies geschieht vorwiegend entlang der Arbeiten des Kommunikations- und Medienwissenschaftlers Friedrich Krotz. Für die möglicherweise nicht in allen Teilen medienaffine theologische Fachwelt werden so Zusammenhänge und aktuelle Bezüge in Sachen Soziale Netzwerke erklärt und eingeordnet.
Im zweiten Teil werden diese dann auf die spezifische Situation von Kommunikationsstrukturen und Wirklichkeitswahrnehmungen im Sozialen Netzwerk am Beispiel von »Facebook« konkretisiert. Hier fließen die Ergebnisse der 2012 durchgeführten qualitativen Erhebung von unterschiedlichen »Facebook«-Nutzer_innen ein. Optisch abgesetzt vom Studienteil werden vier »Facebook«-Profile ausführlich vorgestellt, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass sie kein Portrait als Profilbild besitzen. Dabei handelt es sich um drei zu diesem Zeitpunkt 30-jährige Personen, eine davon männlich, und eine 50-jährige Nutzerin. Eine weitere Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie alle aus dem universitätsnahen Umfeld stammen. Dass mit dieser Auswahl kein repräsentativer Ausschnitt von Nutzer_innen eines Sozialen Netzwerkes vorgestellt wird, ist der Autorin bewusst. Dessen ungeachtet erhebt sie dennoch den Anspruch, mit den gewonnenen Erkenntnissen Rückschlüsse auf gegenwärtige Lebenskontexte zu ziehen. Dass dies gelingt, liegt daran, dass sie sich auf biografische Selbstdarstellung und Selbstdokumentation in Sozialen Netzwerken konzentriert. Die Autorin versteht es dabei, die aus den offenen Interviews gewonnenen Einsichten erkenntnisgewinnend in die theoreti¬sche Diskussion um »Strategien individualitätsbetonter Selbstdarstellung auf Facebook« einzubetten (S. 185?226). Gerade in diesem Teil, der überwiegend weibliche Profile beschreibt, ist es umso bedauerlicher, dass die gesamte Arbeit auf eine gender-spezifische Schreibweise verzichtet.
Der dritte und und damit theologische Teil lässt die Möglichkeit der Darstellung personaler Identität in der Cyber-Welt vor dem Hintergrund aktueller theologischer Diskussionen beispielsweise zu den Stichworten Gottebenbildlichkeit oder Bilderverbot erwarten. Zunächst erfolgt jedoch eine Identitätsdiskussion auf der Grundlage der Identitätsbestimmungen von Georg Herbert Mead, Erving Goffmann und Lothar Krapmann sowie Hannelore Bublitz. Soziale Netzwerke fördern, so die Feststellung, eine »Haltung der Selbstoptimierung und marktförmigen Gestaltung der eigenen Selbstdarstellung« (S. 268). Dass Nutzer_innen von Sozialen Netzwerken dies offensichtlich bewusst ist, wird durch die Tatsache der sichtbaren Selbstverhüllungen und inszenierten Selbstdarstellungen Rechnung getragen. Als Referenzrahmen der theologischen Diskussion wird die Anthropologie Wolfgang Pannenbergs herangezogen. Eine Begründung dieser Auswahl sowie die Einbeziehung anderer theologischer Ansätze erfolgen nicht (z. B. Müller, Klaus: Endlich unsterblich. Zwischen Körperkult und Cyberworld, Kevelaer 2011).
Insgesamt wird aber deutlich, dass sichtbare Selbstverhüllungen bzw. offensichtlich inszenierte Selbstdarstellungen Verweise darauf sind, dass personale Identität in Sozialen Netzwerken grundsätzlich nicht darstellbar ist, und dass dies Teilen der Nutzer innen durchaus bewusst ist. Die Bedeutung Sozialer Netzwerke für die theologische Praxis wird erhellend im letzten Kapitel angeschnitten.
Die vorliegende Arbeit bietet eine grundlegende, umfassende und theologisch motivierte Einordnung von Identitätsabbildungen in Sozialen Netzwerken. Auf dieser Basis wäre durch breiter angelegte empirische Forschung künftig zu überprüfen, welche Inszenierungsmotivation Nutzer_innen von Sozialen Netzwerken generell haben und inwieweit das Anliegen gelungener Identitätsdarstellung überhaupt für sie von Bedeutung ist, um so tatsächlich für die theologische Praxis Rückschlüsse auf gegenwärtige Lebenskontexte ziehen zu können.
Simone Birkel

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Mein Gesicht zeig ich nicht auf Facebook

Social Media als Herausforderung theologischer Anthropologie
Ernst, Christina

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