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Rezension

Lutherische Kirche 03/2016

Immer wieder taucht das Missverständnis auf, mit Luther habe sich die Beichte für die evangelische Kirche erledigt. Beichte sei katholisch. Nein, Luther hat die Beichte nicht abgeschafft. Er ging im Gegenteil davon aus, dass jeder Christ automatisch das Angebot der Beichte gern und regelmäßig annehmen werde – so wie er das selbst praktizierte. Im Großen Katechismus kommt er gar zum Schluss, dass derjenige, der nicht beichtet, gar kein Christ sein kann. Luther hat die Beichte befreit von jedem Zwang. Die Menschen dachten, er hätte sie von der Beichte befreit. Aber nicht nur für evangelische, auch für katholische Christen hat die Beichte ihre Notwendigkeit und Plausibilität verloren. Und trotzdem wurde sie und wird sie immer wieder neu entdeckt. Es sei auffallend, mit welcher Hartnäckigkeit sich die Beichte immer wieder zu Wort melde, schreibt der Theologe Michael Herbst in seinem Beitrag für dieses Buch: »Sie ist so oft totgesagt worden, dass man nur staunen kann, dass immer wieder Menschen von ihrer wohltuenden Wirkung berichten.«
Im Berliner Dom zum Beispiel haben sich die Zuständigen überlegt, wie sie dem immer wieder an sie herangetragenen Wunsch einzelner Besucher, ihnen die Beichte abzunehmen, in geeigneter Form nachkommen können. Ralf K. Wüstenberg, Professor an der Universität Flensburg, schildert an diesem Beispiel eine mögliche Praxisform evangelischer Einzelbeichte.
Hermann Glettler, katholischer Theologe, berichtet aus der praktischen Erfahrung im katholischen Bereich. Die in diesem Band versammelten Beiträge beleuchten die Beichte aus verschiedenen Perspektiven. Sehr sorgfältig werden das reformatorische Beichtverständnis und das der römisch-katholischen Kirche herausgearbeitet.
Die wechselvolle Geschichte der Beichte wird nachgezeichnet. Ihr Bezug zur Seelsorge und zu therapeutischen Konzepten wird deutlich. Zwei Beiträge befassen sich mit der Frage nach Vergebung und Versöhnung im strafrechtlichen Zusammenhang beziehungsweise im gesellschaftlich-politischen Kontext an den Beispielen von Südafrika und Ruanda. Es gelingt den Autoren, ohne akademische Abgehobenheit fundiert zu argumentieren, in einer Sprache, die auch interessierte Laien gut verstehen können. Sie bleiben nah an der Praxis, und sie helfen damit, die Chancen einer erneuerten Beicht- und Bußpraxis auszuloten. Ja, sie liefern »fröhliche Anstiftungen zur Beichte, die weder verstaubt noch ausschließlich katholisch« ist.
Dass eine bekenntnislutherische Kirche wie die SELK ein besonderes Interesse an der Bedeutung der Beichte haben muss, versteht sich (fast) von selbst. Überraschend deutlich bringt das Peter Zimmerling, Professor an der Uni Leipzig, der sich mit dem Thema seit Jahren befasst, auf den Punkt: »Keine reformatorisch verstandene Beichte ohne Rechtfertigungslehre, auf Dauer aber auch keine reformatorische Rechtfertigungslehre ohne die Praxis der Beichte!
Die Beichte bildet den Lackmustest für die evangelische Rede von Schuld und Vergebung. Wenn es stimmt, dass der Kern des evangelischen Glaubens in der Rechtfertigung des Gottlosen besteht, dann sind spirituelle Formen nötig, die diesen Kern des Glaubens konkret erfahrbar machen. Ansonsten verkommt die Rechtfertigungslehre zu einer protestantischen Ideologie.«
Die Beichte ist nicht tot. Sie wird gerade wieder neu entdeckt. Vielleicht finden sich dabei ja auch neue Formen, die das Heilsame in ihrer Praxis zum Tragen bringen.
Doris Michel-Schmidt

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Ein ökumenisches Kompendium für die Praxis
Prüller-Jagenteufel, Gunter/Schliesser, Christine/Wüstenberg, Ralf K./Bedford-Strohm, Heinrich/Glettler, Hermann/Herbst, Michael/Pock, Johann/Schaupp, Klemens/Schönborn, Christoph/Zehner, Joachim/Zimmerling, Peter

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