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Rezension

Göttinger Forum für Altertumswissenschaft 18 (2015)

Wer hinter dem Titel »Enzyklopädie der Philologie. Themen und Methoden der Klassischen Philologie« ein Nachschlagewerk vermutet, ein Lexikon oder Kompendium, in dem die Themen und Methoden der Klassischen Philologie systematisch dargestellt werden, wird enttäuscht sein. Denn der Titel dieses Buchs ist ein wenig irreführend. Tatsächlich handelt es sich um einen Sammelband, der auf eine Ringvorlesung an der Humboldt-Universität zu Berlin aus dem Wintersemester 2011/12 zurückgeht und in dem in zwölf Beiträgen zu sprachlichen, literarischen und fachdidaktischen Themen ein exemplarischer Einblick in aktuelle Themen, Probleme und Arbeitsweisen der Klassischen Philologie und der Didaktik der Alten Sprachen gegeben wird. Verfasst wurden die Beiträge von Wissenschaftlern des Instituts für Klassische Philologie und des Sonderforschungsbereichs »Transformationen der Antike« sowie des Alexander-von-Humboldt-Professorship-Programms »Medicine of Mind, Philosophy of the Body – Discourses of Health and Well-Being in the Ancient World« an der Humboldt-Universität zu Berlin. Der Titel des Bandes ist angelehnt an den Titel einer Vorlesung, die August Boeckh als erster Ordinarius für Klassische Philologie an der Universität Berlin 1810 gehalten hat: »Encycklopädie und Methodologie der philologischen Wissenschaften« (S. 7).
Ergänzt werden die zwölf Beiträge durch eine Einleitung (S. 7–10), ein Personen und Sachregister (S. 301–305) sowie ein Stellenregister (S. 307–313). Literaturverzeichnisse finden sich jeweils am Ende der Beiträge. Das Buch ist nicht nur als Printfassung, sondern auch als E-Book verfügbar. Grundlage für die vorliegende Rezension war die vom Verlag zur Verfügung gestellte E-Book-Fassung im pdf-Format. Der einzige Vorteil dieser Fassung ist jedoch, dass sie nichts wiegt und keinen Platz benötigt, wenn man ohnehin einen E-Book-Reader oder einen Computer dabei hat. Der Preis von Printfassung und E-Book ist identisch. Sehr schade ist, dass die E-Book-Fassung – abgesehen vom Titelblatt – nicht durchsuchbar ist. Dies hätte wirklich einen großen Vorteil darstellen können. Warum diese technisch so leicht zu realisierende Möglichkeit nicht genutzt wurde, bleibt offen. Vielleicht sollte so der benötigte Speicherplatz gering gehalten werden. Andererseits bleibt die E-Book-Fassung damit sogar hinter den Möglichkeiten der Printfassung zurück, in der man leicht mit beiden Händen gleichzeitig Register und Textteil oder Inhaltsverzeichnis und Textteil oder einfach verschiedene Stellen innerhalb eines Beitrages aufschlagen kann, wenn man etwas gezielt sucht. Ebenfalls unmöglich ist es, aus der E-Book-Fassung mit Hilfe der entsprechenden Funktionen einzelne Wörter oder Sätze auszuschneiden, um sie als Zitat einzufügen. (Immerhin besteht noch die Möglichkeit, Schnappschüsse als Grafik zu erstellen.) Auch hier ist es wohl einfacher, wenn man das gedruckte Buch vor sich hat und ein Zitat abschreibt, als gleichzeitig auf einem Computer das E-Book und die Textverarbeitung zu nutzen oder gar extra die jeweiligen Seiten auszudrucken. Schade! Immerhin bietet die E-Book-Fassung je nach genutztem Lesegerät die Möglichkeit zu umfangreicheren Notizen, als sie auf dem Rand und zwischen den Zeilen eines gedruckten Buches möglich sind.
In der Einleitung (S. 7–10) stellt Ulrich Schmitzer die Konzeption des Sammelbandes und der zugrundeliegenden Ringvorlesung vor. Ausgehend von August Boeckhs Vorlesung »Encycklopädie und Methodologie der philologischen Wissenschaften« und dessen »Ansatz einer altertumswissenschaftlichen Kulturwissenschaft« (S. 7) stellt Schmitzer fest, dass es »zwei Jahrhunderte nach Boeckh [...] für einen Einzelnen so gut wie unmöglich geworden [ist], die gesamte Kultur der Antike auf der Höhe des jeweils aktuellen Forschungsstandes zu überblicken und gar synthetisch zusammenzufassen« (S. 7). Dies biete jedoch die »Chance zum lebendigen disziplinären und interdisziplinären Austausch« und müsse zu einer »Verteilung der Enzyklopädie auf viele Schultern« führen (S. 7). Schmitzer formuliert den Anspruch des Bandes so:
»Die verschiedenen Ansätze verstehen sich nicht zuletzt als exemplarische, keineswegs exklusive Versuche darüber, wie Klassische Philologie aussehen kann. Sie sind damit auch ein Beitrag zur dringend notwendigen interdisziplinären Debatte über das Selbstverständnis des Faches, allerdings nicht in der Form von theoretisch-programmatischen Traktaten, sondern in konkreten Fallstudien: ›The proof of the pudding is in the eating.‹ [...] Die Vielfalt der Zugriffe [...] darf nicht vergessen lassen, dass das gemeinsame Ziel in der umfassenden Erforschung der Antike besteht.« (S. 8)
Thomas Poiss, Die Zeitlichkeit des Gedichtes. Überlegungen zu antiker und moderner Lyrik am Beispiel von Sappho frg. 1 (V.), Horaz carm. 1, 32 und Ludwig Greves Gedicht Hannah Arendt (S. 11–34) verfolgt das Ziel, exemplarisch anhand zweier antiker Gedichte, eines griechischen und eines lateinischen, sowie eines modernen deutschen Gedichts »die Zeitlichkeit von Gedichten erfahrbar zu machen« (S. 11). Ausgangspunkt der Überlegungen sind die Frage »Was soll, was darf ein Philologe mit Gedichten machen?« und ein kurzer wissenschaftshistorischer Überblick über die »prinzipiell zwei Grundhaltungen zu Gedichten: sich der Unmittelbarkeit der Lektüre hinzugeben oder methodisch die Distanz historischer Wissenschaft aufzubauen.« (S. 11) Poiss verweist auf das Paradoxon, dass ab dem 18. Jh. die »distanzierende Betrachtung« an den Hochschulen dominiert, aber doch jeder Studierende der Klassischen Philologie überhaupt erst durch den »vorwissenschaftliche[n] Funke[n]« der Begeisterung für die Dichtung, der bei der unmittelbaren Lektüre entsteht, zum Studium der antiken Literatur motiviert worden ist (S. 12). Poiss versucht daher anhand seiner Überlegungen zu den drei Gedichten, diesen Funken »erkenntisfördernd« freizulegen (S. 12). Dazu bietet er zu jedem der Gedichte nach einer kurzen Einführung Originaltext und Übersetzung sowie eine Analyse unter dem Gesichtspunkt der Zeitlichkeit, vor allem der »Binnenzeit des Gedichtes« (S. 19). Poiss stellt fest: »Lässt man sich auf ein Gedicht ein, lernt es, sagt es sich innerlich vor oder rezitiert es, [...] dann durchlebt man vor aller Interpretation ein bestimmtes Stück Zeit, in dem etwas abläuft und in dem sich etwas ändert. Das Was und Wie ist Sache der Interpretation, aber die zeitliche Struktur, die Partitur der inneren und äußeren Aufführung ist es, durch die der Verfasser eine Zeitspanne lang die Kontrolle über die Abläufe unseres Bewußtseins übernimmt und einen Wahrnehmungsprozess auslöst, an dessen Ende man anders ankommt, als man eingestiegen ist.« (S. 19) Diese »kontrollierte Eigenzeit« (S. 20) arbeitet Poiss in seinen Analysen zu den Gedichten heraus.
Bianca Liebermann, Die Grammatikkonzeption Christian Touratiers (S. 35–50) ist ein überzeugtes Plädoyer, das anhand der Bereiche der Morphemanalyse und der Konstituentenanalyse zu zeigen versucht, »was Touratiers linguistische Analyse im Verhältnis zur traditionellen Grammatik leistet« (S. 35). Liebermann, die Touratiers Grammatik1 ins Deutsche übersetzt hat und diese Übersetzung2 auch in ihren eigenen dt.-lat. Übersetzungsübungen benutzt, darf wohl durchaus als hervorragende Kennerin dieser für viele Klassische Philologen ungewohnten Grammatikkonzeption gelten. Liebermann kontrastiert Touratiers Analyse jeweils mit den Darstellungen der traditionellen lateinischen Grammatik3 und zeigt anhand zahlreicher Beispiele auf, wo die Schwachstellen und Inkonsequenzen der traditionellen Erklärungen liegen und wo Touratiers Analyse für größere Klarheit sorgt. Der Beitrag versteht sich jedoch nicht als Ablehnung der traditionellen Grammatik, sondern als Wunsch nach Berücksichtigung und Integration des aktuellen Forschungsstandes: »Angesichts der Fortschritte der modernen Sprachwissenschaft scheint es kaum vertretbar, in Sprachanalyse und -ausbildung so weiterzumachen wie bislang. Aber was tun? Soll man das alte Haus abreißen und stattdessen ein neues bauen? Oder welche Sanierungs- und Renovierungsmaßnahmen sind nötig? Reicht vielleicht sogar eine gründliche Entrümpelung und Neusortierung des bleibenden Inventars?« (S. 50)
Ulrich Schmitzer, Strategien der Selbstkanonisierung bei Ovid (S. 51–84) befasst sich mit der Selbstreferentialität und Selbstdeutung in den Werken Ovids. Dazu geht Schmitzer von der »in der Antike keineswegs [üblichen] umfassende[n] Selbstreferenzialität« (S. 53) der Werke Vergils durch Verweise zwischen seinen Werken und Aussagen zur Selbstkanonisierung aus (S. 51–54) und zeigt zunächst auf, wie Ovid als »einer der frühesten und zugleich [...] genauesten Leser Vergils« (S. 54) diese vergilische Selbstkanonisierung adaptiert hat (S. 54–61). Er kommt dabei zu dem Schluss, dass Ovid »noch umfassender als Vergil [...] ein Gesamtbild des Autors von sich selbst [entwirft]« (S. 54), und illustriert dies exemplarisch anhand von am. praef. 1–4; am. 2,18,13–34; trist. 3,3,73; am. 3,1,5–14 u. fast. 4,1–12. Schmitzer untersucht die »implizite[n] Vorverweise auf die großen erzählenden Dichtungen« (S. 61) am Beispiel der Verweise auf die Fasti in am. 3,13 und auf die Metamorphosen in am. 3,12,21–44 (S. 61–65) sowie die Bezüge auf die Metamorphosen in der Exildichtung (S. 66–69). In einem letzten Schritt thematisiert Schmitzer »die literarischen Rahmenbedingungen der Selbstreferenzialität« (S. 70–78) und zeigt »die stets gegenwärtige Gefahr des sachlichen und geistigen Kontrollverlusts“ sowie die »Bemühungen von Autoren [...] ebendiese Kontrolle zu behalten [...], sei es durch Autoreferentialität oder sei es durch die tatsächliche | oder angedrohte Rücknahme [...]« (S. 70–71). Er illustriert das anhand der Metamorphosen-Bezüge in den Tristia sowie dem Ende von Tristia 2, wo »Ovid das gesamte Œuvre vor dem Leser Revue passieren [lässt]« (S. 77). Schmitzer kommt zu dem Schluss, dass »Ovids Gesamtwerk [...] mehr als das jedes anderen Autors seiner Zeit, auch mehr als bei Vergil, von Quer-, Vor- und Rückverweisen durchzogen [ist], die seine Dichtung zu einer vom Autor selbst kanonisierten Einheit werden lassen, unabhängig von Themen, Gattungen und Entstehungszeit.« (S. 78) Er fasst das in der These zusammen: »Ovid ist der Dichter seiner selbst, das Ich des Autors ist mit dem Werk eins.« (79)
Darja Šterbenc Erker, Geschlechterrollen in Ovids Fasti. Carmentis, Euander und das Carmentalia-Fest (S. 85–112) analysiert die Bedeutung antiker Aitia zum Fest der Geburtsgöttin Carmentis und »die Inszenierung der Geschlechterrollen in [Ovids] Aitiologie über Carmentis und Euander« mit besonderem Schwerpunkt auf den »typisch weiblichen Elemente[n]« (S. 85). Dazu stellt Šterbenc Erker zuerst Carmentis, die Göttin der Geburt und der Weissagung, sowie ihren Kult anhand von Belegen aus den Fragmenten des praenestinischen Kalenders mit Erläuterungen des Verrius Flaccus (CIL I2 231) und in Ovids Fasti vor (S. 86–89) und geht auf etymologische Erklärungsversuche für ihren Namen aus carmen ›Lied, Zauberspruch, Orakelspruch‹ oder aber carpentum ›Prunkwagen‹ ein (S. 89–92). Ausgehend von der Herleitung vom carpentum bespricht die Autorin in einem Exkurs das Recht der Matronen, in der Stadt mit einem Wagen fahren zu dürfen (S. 92–97). Den Kern des Beitrags bildet die Analyse der geschlechtsspezifischen Parameter im Carmentis- und Euander-Aition (S. 97–105). Šterbenc Erker stellt fest, dass »Ovid [...] in seiner Erzählung der Legende die traditionellen Geschlechterrollen [...] auf den Kopf [stellt]« (S. 103). Anschließend untersucht sie zeitgeschichtliche Anspielungen (S. 106–107) und zeigt, dass »Carmentis als mythisches Exemplum für [Augustus’ Gattin] Livia [fungiert]« (S. 106). Abschließend fasst die Autorin die wichtigsten Ergebnisse ihrer Analyse zusammen (S. S. 108–109) und weist ihr »Pilotcharakter für eine Gesamtuntersuchung der Fasti unter den literarischen, sozialwissenschaftlichen und religiösen Aspekten der Konstruktion von Geschlechterrollen« (S. 109) zu.
Antonia Wenzel, Neulateinische Gedichtbücher des Quattrocento. Vier italienische Humanisten und ihr Umgang mit dem antiken Erbe (S. 113–134) befasst sich mit den Anfängen des italienischen Humanismus am Beispiel von Giovanni Marrasio, Angelinetum; Enea Silvio de’Piccolomini, Cinthia; Tito Vespasiano Strozzi, Eroticon liber und Cristoforo Landino, Xandra, die alle eine an antiken Vorbildern orientierte Widmung enthalten. Wenzel untersucht detailliert die Reminiszenzen in diesen Widmungen. So analysiert sie die Properz-Reminiszenzen in Enea Silvio de’Piccolominis Cinthia (v.a. an Prop. 1,1,1–2 u. 1,12,20), die dem Leser deutlich machen, dass er es mit »Liebesgedichten im antiken Stil beziehungsweise nach dem Vorbild der römischen Elegiker« zu tun hat (S. 115) sowie in Tito Vespasiano Strozzis Eroticon liber und Cristoforo Landinos Xandra (v.a. an Prop. 2,14 u. 2,15) (S. 117–120). Weiterhin analysiert Wenzel die Bezüge zu Ovids Amores 2,15 bei Strozzi und Landino (S. 121–127). Sie stellt anschließend Marrasios Angelinetum genauer vor und geht auf dessen Auseinandersetzung mit römischen Dichtern ein (S. 127–131). Abschließend zeigt die Autorin, wie Landino sich in der zweiten Fassung seiner Xandra stärker auf Florenz und die Toskana fokussiert und das volgare dem Lateinischen und Griechischen »als vollwertige und gleichberechtigte Sprache gegenüberstellt« (S. 131) und erfolgreich »das antike Erbe, das er bei Properz, Ovid, Vergil und Horaz vorfindet und von ihnen übernimmt, mit den kulturellen, sprachlichen und politischen Errungenschaften seiner eigenen Zeit [verbindet]« (S. 132).
Felix Mundt, Kreative Philologie. Fälschungen und Supplemente antiker Texte in der Frühen Neuzeit (S. 135–156) beschäftigt sich ebenfalls mit der neulateinischen Literatur und ihrer Nachahmung und Auseinandersetzung mit antiken Texten nicht nur durch bewusste, sondern auch »unabsichtliche, unterbewusst eingeflossene Reminiszenzen« (S. 135). Mundt setzt den Fokus dabei jedoch auf Supplemente und Fälschungen als Versuch neulateinischer Autoren, »die Antike nicht nur zu rezipieren [...], sondern auch neu zu schreiben, fortzuschreiben oder umzuschreiben« und so in »Wettbewerb mit dem antiken Autor« zu treten (S. 137). Mundt stellt als Beispiele dafür Ergänzungen zu »lückenhaft überlieferte[n] oder unvollendete[n] antike[n] Werke[n]« vor, so die Ergänzungen von Autoren des 17. Jahrhunderts zu Curtius Rufus und Livius, Tacitus’ Annalen und Historien, Ovids Fasti und Lucan sowie Maffeo Vegios 13. Buch zu Vergils Aeneis (1428), das »vom zeitgenössischen Publikum so begeistert aufgenommen [wurde], dass es bis ins 16. Jahrhundert hinein noch Bestandteil einer jeden Vergilausgabe geblieben ist.« (S. 137) Mundt untersucht Vegios Supplement im Vergleich mit Ovids Behandlung der brennenden Stadt Ardea und der Verstirnung des Aeneas in met. 14,585–595 und erklärt Vegios Erfolg vor dem Hintergrund spätantik-mittelalterlicher Vergilinterpretation (S. 138–140). Anschließend macht der Autor am Beispiel des Dialogs De laudibus philosophiae von Jacopo Sadoleto, der die inhaltliche Lücke durch den Verlust von Ciceros Hortensius schließen sollte, deutlich, dass die »Grenzen zwischen Supplement und vollständiger Neuschöpfung [...] fließend [verlaufen]« (S. 140). Mund geht ferner auf Fälschungen prominenter Autoren ein, für die er exemplarisch die Antiquitates des Annius von Viterbo und die Consolatio von Carlo Sigonio detailliert untersucht (S. 141–152). Er kommt zu dem Schluss, dass »in den Supplementen und Fälschungen antiker Texte [...] die Grenzen von Wissenschaft und Kunst [verschmelzen]« und dass es deren Ziel sei, »die Antike auf die Gegenwart hin zurechtzubiegen“ und »auf aktuelle Bedürfnisse [zu antworten]« (S. 152). Mundt beendet seinen Beitrag mit einem Appell zur Beschäftigung mit dem Neulateinischen (S. 153–154).
Anna-Maria Kanthak, Obscuritas – eine Strategie griechischer Wissenschaftsliteratur? (S. 157–186) geht von den Vorwürfen der Dunkelheit und Unklarheit gegenüber den griechischen Autoren »im Bereich der Wissensliteratur« (S. 157) aus, d.h. der »philosophischen und wissenschaftlichen Literatur“ (S. 158). Als Funktion dieser Wissenstexte bestimmt Kanthak »diejenige, Wissen festzuhalten und gegebenenfalls unmissverständlich zu vermitteln« (S. 160). Ihr Ziel ist es, sich dem Paradoxon, das sich aus der intendierten Funktion der unmissverständlichen Wissensvermittlung und dem Vorwurf der Unklarheit ergibt, »aus der Sicht der Kommentatoren [zu] nähern [...], da diese am häufigsten auf die Unklarheitstopik zurückgreifen« (S. 160). Dazu gibt sie im Folgenden einen Überblick über die »Unklarheitsdebatte in der griechischen Kommentarliteratur« und untersucht »die erhaltenen expliziten Zeugnisse der Kommentare zur Unklarheit der Wissenstexte« (S. 160). Kanthak analysiert dazu Galens Urteile über Hippokrates (S. 166–168), Philodems Überlegungen zur ασαφεια (S. 168) sowie Aussagen Galens, Alexanders von Aphrodisias und des Mittelplatonikers Attikos sowie der Neuplatoniker zu Aristoteles (S. 170–177) und systematisiert die jahrhundertlange Diskussion über Unklarheit und Dunkelheit (S. 177–183). Kanthak kommt zu dem Schluss, dass es sich beim Unklarheitstopos um eine Rechtfertigungsstrategie der Kommentatoren für ihre Kommentare und die von ihnen kommentierten Autoren und Texte sowie für die »Auslegung der vorangehenden Autoritäten im Einklang mit den eigenen Theorien« (S. 181) handele.
Oliver Overwien, Zur Funktion der Summaria Alexandrinorum und der Tabulae Vindobonenses (S. 187–208) untersucht zwei medizinische Lehrwerke: die Summaria Alexandrinorum, die nur in arabischer Übersetzung erhalten sind, und die Tabulae Vindobonenses, griechischsprachige »schematische Darstellungen ausgewählter Inhalte aus galenischen Schriften« (S. 196), beide »zwar schon länger bekannt, jedoch so gut wie nicht ediert und kaum erforscht« und »eng miteinander verwandt« (S. 189). Den Schwerpunkt von Overwiens Betrachtungen dazu bildet die Frage, »in welcher Weise sie im Medizinunterricht Anwendung fanden« (S. 189). Dazu stellt er zunächst die Summaria Alexandrinorum vor, um sie anhand von arabischen Auszügen mit deutschen Übersetzungen zur »Rekonstruktion der alexandrinischen Lehrpraxis heran[zuziehen]« (S. 190). Er kommt dabei zu dem Schluss, dass »die Summaria Alexandrinorum [...] vorlesungsbegleitend eingesetzt [wurden]« (S. 196). Im Anschluss untersucht er die Tabulae Vindobonenses und vergleicht sie mit Galens De sectis und den Summaria Alexandrinorum, wobei er feststellt, dass auch die Tabulae Vindobonenses ein vorlesungsbegleitendes Lehrwerk darstellen (S. 199). Abschließend systematisiert Overwien diese Beobachtung noch einmal für die beiden Schriften (S. 202–204).
Roberto Lo Presti, Werner Jaegers »Paideia«. Die Stellung der antiken Medizin in seiner Auffassung der Geisteswissenschaften (S. 209–234) verfolgt das Ziel, »Jaegers allgemeine Auffassung der Medizin und ihrer Beziehungen zur Philosophie ans Licht zu bringen« (S. 209). Dazu untersucht Lo Presti nach einem kurzen Überblick über Jaegers Begriff der Paideia (S. 214–215) die »wesentlichen epistemologischen Aspekte der Medizin« (S. 215–217) anhand des Medizin-Kapitels im dritten Buch der Paideia. Dabei arbeitet er heraus, dass für Jaeger »die Medizin [...] das wesentliche epistemologische Modell aller Wissensarten [sei], die eine erzieherische Funktion in irgendeiner Weise vollenden, und insbesondere der Philosophie« (S. 216). Im Folgenden diskutiert der Autor diese These »in Bezug auf Jaegers Verständnis der Beziehung zur Medizin des Sokrates, Platon und Aristoteles« (S. 218–227). In den abschließenden Betrachtungen zu »Jaegers Auffassung von der griechischen Medizin und vom ärztlichen Humanismus« (S. 227) kommt Lo Presti zu dem Schluss, »dass die Untersuchung der Beziehungen zwischen Medizin und Philosophie im klassischen Altertum ein wesentlicher Teil von Jaegers breiterer geistesgeschichtlicher Rekonstruktion des griechischen Bildungsideals ist«, dass aber »diese Rekonstruktion [...] auch die geschichtliche Projektion eines militanten erzieherischen Projektes [sei], das sich am geistigen Wiederaufbau der zeitgenössischen deutschen Gesellschaft orientiert und wofür Jaeger sich voll engagierte« (S. 227). Lo Presti betont dabei, dass »Jaegers Auffassung der griechischen Medizin als ein paradigmatisches Beispiel der gegenseitige Beeinflussung zwischen Wissenschaft und Ideologie bei der Betrachtung des griechisch-römischen Altertums zu sehen [sei]« (S. 231.)
Josefine Kitzbichler, Travestie, Flussüberquerung, Lichtbild. Beobachtungen zur Metaphorik des Übersetzens (S. 235–258) geht von der Hypothese aus, »dass eine Untersuchung der Metaphorik des Übersetzens in grundlegender Weise für die Übersetzungsproblematik aufschlussreich sein kann« (S. 235). Dazu untersucht sie »solche Metaphern [...], die für die interlinguale Übersetzung in Gebrauch waren und sind« (S. 236), und zwar »präterminologische Metaphern, die dort einspringen, wo definierte Begriffe (noch) fehlen [...]« (S. 236) sowie »absolute, [...] metaterminologische Metaphern, die als conditio humana unerlässlich sind, weil in ihnen das jenseits logischer Begriffe liegende, sonst unsagbare erfasst werden kann« (S. 236–237). Sie stellt die These auf, dass der »auffällige Metaphernreichtum im Übersetzungsdiskurs [...] mit defizitärer Terminologie in der Übersetzungsforschung« zusammenhänge und »auf die Tatsache [weise], dass (literarischen) Übersetzungen immer eine Paradoxie zugrunde liegt, die offenkundig nicht anders als metaphorisch erfasst werden kann« (S. 237). Kitzbichler verweist auf verschiedene Metaphernfelder: »Gewand- und Gefäßmetaphern«, »Metaphern der Bewegung«, »visuelle Metaphern«, »mediale Metaphern«, »archäologische Metaphern«, »ökonomische Metaphern«, »politische und militärische Metaphern« (S. 240), »ethische Metaphern«, »biologische Metaphern«, sowie »Metaphern der Metaphysik und Alchemie« (S. 238–241). Von diesen untersucht sie exemplarisch die Gewandmetaphern (S. 242–248), die Metaphern der Bewegung (S. 248–253) und die visuellen Metaphern (S. 253–255).
Stefan Kipf, Ars didactica necesse est colatur. Aufgaben und Perspektiven altsprachlicher Fachdidaktik (S. 259–276). Nach einem kurzen Überblick über die noch junge Geschichte der Fachdidaktik der Schulfächer Latein und Griechisch (S. 259–261) erläutert Kipf die aktuellen Aufgaben der Didaktik des altsprachlichen Unterrichts und zählt zugleich deren Leistungen auf (S. 261–265). Zu den Aufgaben zählt die Überarbeitung der fachdidaktischen Standardwerke, die meist noch aus den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts stammen, sowie die Erarbeitung einer neuen umfassenden Didaktik des altsprachlichen Unterrichts unter Berücksichtigung der aktuellen schulischen Rahmenbedingungen und auf der Grundlage wissenschaftlicher Forschungsergebnisse. Zu den Erfolgen zählt Kipf die Veröffentlichung verschiedener neuerer Monographien zum Lateinunterricht. Völlig zu Recht kritisiert Kipf allerdings die Tendenz, »dass Fachdidaktik zunehmend praktizistisch verstanden, d.h. als serviceorientierter Lieferant für kurzfristig einsetzbare Kopiervorlagen missverstanden wird«, und bemängelt das Fehlen »eingehendere[r] wissenschaftliche[r] Reflexionen zu den zentralen Themenbereichen des Unterrichts« (S. 261). Seine wichtigste Forderung ist indes die nach empirisch abgesicherter Unterrichtsforschung, die es für den altsprachlichen Unterricht derzeit so gut wie nicht gibt (S. 262). Ernüchternd wirkt auch der von Kipf präsentierte Überblick über die Zahl der wissenschaftlichen Publikationen der altsprachlichen Didaktik im Verhältnis zur neusprachlichen Didaktik. Allerdings sollte man wohl nicht die »genuin wissenschaftliche Produktivität« (S. 262) eines Fachs einfach mit der Zahl der Dissertationen und Habilitationsschriften gleichsetzen, wie Kipf dies tut! Hintergrund dieser Gleichsetzung ist zweifelsohne seine berechtigte Kritik an dem »nur schwer erträgliche[n] Skandalon, dass der altsprachliche Unterricht mit Latein als drittstärkster Fremdsprache im deutschen Bildungswesen fachdidaktisch nicht angemessen auf Hochschullehrerebene verankert ist, wodurch sich schwere strukturelle Nachteile gegenüber den anderen Schulfächern ergeben« (S. 262–263). Kipf verspricht hier Abhilfe durch systematische Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Die wir-Formulierungen, die der Autor im Folgenden wählt, sollen wohl entweder geschlossenes Vorgehen aller Latein- und Griechischdidaktiker suggerieren4 oder aber einen Alleinvertretungsanspruch einiger weniger – vor allem Berliner – Fachdidaktiker ausdrücken, die die Marschrichtung für alle vorgeben und das Fach prägen wollen. Ferner fordert Kipf die Vernetzung mit anderen Disziplinen, vor allem den anderen Schulfremdsprachen und der Erziehungswissenschaft, »um eine empirisch basierte Unterrichtsforschung im Bereich der Alten Sprachen zu etablieren« (S. 263). Es fällt auf, dass als »erste empirische Studien, die im Rahmen von Masterarbeiten vorgelegt wurden« (S. 264) nur Berliner Abschlussarbeiten aufgezählt werden. An anderen Universitäten vorgelegte fachdidaktische Abschlussarbeiten kennt der Autor entweder nicht oder er blendet sie bewusst aus.5 Als wichtige Aufgabe universitärer Fachdidaktik im Rahmen der Lehrerausbildung führt Kipf außerdem die Zusammenarbeit mit Schulen und Studienseminaren an (S. 264). Auch auf die Notwendigkeit der Durchführung von Lehrerfort- und -weiterbildung zur Weitergabe der fachdidaktischen Forschungsergebnisse an die Unterrichtspraktiker geht der Autor ein (S. 264). Im zweiten Teil seines Beitrages diskutiert Kipf detailliert auf die Brückenfunktion des Lateinunterrichts für Schülerinnen und Schüler nichtdeutscher Herkunft (S. 265–272). Dazu skizziert er zunächst die Veränderungen, die das Schulfach Latein in den letzten 40 Jahren durchgemacht hat, und fasst die aktuellen Ziele des Lateinunterrichts zusammen (S. 265–266): Schaffung eines grundsätzlichen Bewusstseins für das Funktionieren von Sprache und Förderung der »Entwicklung der konzeptuellen Schriftlichkeit« (S. 265) im Deutschen, Erschließung eines »fundierten Zugang[es] zur europäischen Kulturtradition« und »Förderung einer gemeinsamen europäischen Identität« (S. 266) sowie die Anregung zur Auseinandersetzung mit fremden Positionen und der kritischen Hinterfragung des eigenen Standpunktes durch »Denkmodelle zur exemplarischen Darstellung und Erörterung von Problemen menschlicher Existenz« (S. 266). Im Folgenden stellt Kipf ein Projekt vor, in dem untersucht wird, ob »das Lateinische als Modell distanzierter Sprachbetrachtung [...] als reflexionsbasierte Brückensprache zwischen Erst- und Zweitsprache fungieren und den Zweitspracherwerb nachhaltig fördern« könne und ob »der Lateinunterricht durch seine spezifischen Inhalte und Methoden über signifikante sprachliche und kulturelle Bildungspotenziale für Kinder und Jugendliche nicht-deutscher Herkunftssprache« verfüge (S. 267), was bereits vielversprechende vorläufige Antworten geliefert habe (S. 268–272). Abschließend verweist Kipf auf eine in Vorbereitung befindliche Publikation zur »didaktische[n] Grundlegung des Lateinunterrichts mit Schülerinnen und Schülern nichtdeutscher Herkunftssprache« und ein Dissertationsprojekt »mit einer einjährigen Interventionsstudie«.
Katrin Siebel, Englisch- und Lateinunterricht in Kooperation (ELiK). Ein interdisziplinäres fachdidaktisches Forschungsprojekt (S. 277–300) stellt die Ergebnisse einer Studie zur als Biberacher Modell oder Latein Plus seit einigen Jahren in verschiedenen Bundesländern praktizierten Fortführung des in der Grundschule begonnenen Englischunterrichts bei gleichzeitiger Einführung von Latein vor, die seit 2005 an der Universität Bremen und der Humboldt-Universität zu Berlin sowie seit 2010 an der Universität Siegen durchgeführt wurde. Siebel skizziert die Entwicklung des Biberacher Modells und seine Übernahme als Latein Plus in mehreren anderen Bundesländern (S. 278) und formuliert als zentrales Ziel des Projektes ELiK, »den sprachenübergreifenden Unterricht nicht nur auf eine theoretische Grundlage zu stellen, sondern ihn auch empirisch zu untersuchen« und darüber hinaus »langfristig eine stärkere Vernetzung aller Schulfremdsprachen zu unterstützen und dabei systematisch die Unterrichtsziele Sprachreflexion und Mehrsprachigkeit zu fördern« (S. 279). Die Autorin geht dazu auf die fachdidaktischen Standpunkte der Fächer Latein und Englisch ein und zeigt deren Vereinbarkeit (S. 279–281), sie weist ferner auf die Notwendigkeit der Abstimmung mit dem Fach Deutsch hin (S. 281–282). Zum Verständnis des theoretischen Rahmens des Projekts erläutert Siebel im Folgenden »zentrale Begriffe im gegenwärtigen fremdsprachendidaktischen Diskurs« (S. 282) wie ›Gesamtsprachencurriculum‹, ›Spracherwerbsforschung‹, ›sprachenübergreifendes Lehren und Lernen‹, ›Mehrsprachigkeit‹, ›Mehrsprachigkeitsdidaktik‹ und ›Interkomprehension‹ (S. 282–286). Die Autorin stellt die institutionellen Vorgaben durch die Curricula und die Kultusministerkonferenz sowie die Mehrsprachigkeitsforderung der Europäischen Union vor und macht deren Konsequenzen für den Lateinunterricht deutlich (S. 286–290). Dann präsentiert sie exemplarische Forschungsergebnisse des Projekts aus den Bereichen der »fremdsprachenübergreifenden Vokabelarbeit« (S. 290), der Sensibilisierung der Lerner für sprachliche Verwandtschaft und deren bewusste Nutzung für Spracherwerbsprozesse (S. 290–295). Als Fazit formuliert Siebel den Wunsch nach weiteren empirischen Studien zur Kooperation des Latein- und Englischunterrichts sowie zum Vergleich mit den romanischen Sprachen und Deutsch. Außerdem nennt sie »die Erforschung grammatischer Themen und der sprachen- und fächerübergreifenden Literaturdidaktik« als »Desiderate der ELiK-Forschung« (S. 295) und stellt die baldige Publikation weiterer Ergebnisse des ELiK-Netzwerks in Aussicht.
Die Enzyklopädie der Philologie bietet somit insgesamt einen exemplarischen Einblick in Themen und Methoden der Klassischen Philologie und der Didaktik der Alten Sprachen, ohne dabei jedoch nach Vollständigkeit zu streben. Für Studienanfänger, Studieninteressierte und Fachfremde präsentiert der Band einen durchaus repräsentativen Überblick. Für Fachkollegen dagegen sind wohl wie bei den meisten Sammelbänden vor allem einzelne Beiträge thematisch von Interesse.
Magnus Frisch


1. Christian Touratier, Grammaire Latine. Introduction linguistique à la langue latine, Paris 2008.
2. Christian Touratier, Lateinische Grammatik. Linguistische Einführung in die lateinische Sprache, aus dem Französischen übersetzt und bearbeitet von Bianca Liebermann, Darmstadt 2013.
3. Als Referenz für die traditionelle Grammatik nutzt die Autorin Hans Rubenbauer/J.B. Hofmann, Lateinische Grammatik, neubearbeitet von Rolf Heine, Bamberg/München 121995.
4. Angesichts der Ergebnis- und Folgenlosigkeit der Fachtagung Latein, bei der im Dezember 2013 in Dresden nahezu alle an Universitäten und Studienseminaren tätigen Lateindidaktiker anwesend waren, kann davon wohl kaum die Rede sein
5. Dies mag vielleicht der ursprünglichen Vortragssituation in Berlin geschuldet sein, erweckt in der Druckfassung aber den – falschen – Eindruck, als gäbe es nur in Berlin eine »richtige« Lateindidaktik, auch wenn die personelle und finanzielle Ausstattung des Faches dort zweifellos am besten und für großangelegte Forschungsprojekte am förderlichsten ist.

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Themen und Methoden der Klassischen Philologie heute
Schmitzer, Ulrich/Kanthak, Anna-Maria /Kipf, Stefan /Kitzbichler, Josefine /Liebermann, Bianca/Mundt, Felix/Overwien, Oliver /Poiss, Thomas /Presti, Roberto Lo /Siebel, Katrin /Šterbenc Erker, Darja/Wenzel, Antonia

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