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Rezension

Geschichte in Wissenschaft und Unterricht, 33. Jahrgang 2012, Heft 9/10

Mit Recht ungebrochen ist das Interesse arg den politischen Systemen der antiken Welt. Ein Sammelband, der auf eine deutsch-russische Tagung in Bremen zurückgeht, bietet Destillate aus aktueller Forschung zu zentralen Themen, die teilweise auch für den Geschichtsunterricht von Bedeutung sind.. So skizziert Stefan Link am Beispiel des Verhältnisses zwischen Königtum und Ephoren, dass in Sparta das Politische unterentwickelt blieb und sich trotz formal gegebener Partizipation keine Diskussions- und Entscheidungskultur herausbildete. Dafür dominierten Repression und, komplementär dazu, eine geringe verinnerlichte Selbstkontrolle der Akteure (S.23—30). Hans Kloft zeigt in Auseinandersetzung mit dem vieldiskutierten, kontrovers-polemischen Buch des italienischen Altertumswissenschaftlers und Marxisten Luciano Canfora wichtige Züge der athenischen Demokratie auf (S.31—52). Diese stelle sich »im Rückblick als ein nach wie vor bedenkenswertes und komplexes Modell dar, dessen Leistungen und Schwachpunkte durchaus geeignet sind, über die besonderen Voraussetzungen Athens hinaus Anregungen und Denkanstöße für heute zu geben« (S.47). Die athenische Demokratie in weiterer, vergleichender Perspektive zu sehen ist auch Ziel des instruktiven Beitrags von Christel Brüggenbrock über die Landsgemeinden in der Schweiz (»Versammlungsdemokratische Paralleluniversen«, S.209—229), deren Verfahren Althistoriker schon herangezogen haben, um Fragen zur Praxis der athenischen Ekklesia zu klären. Gerade unter dem Aspekt der Akzeptanz demokratischer Verfahren wird diese lange Zeit immer weiter zurückgedrängte Form direkter Versammlungsdemokratie in der Schweiz wieder verstärkt diskutiert.
Weitere lesenswerte Beiträge behandeln »Bilder der Demokratie«, darunter die Tyrannenmördergruppe (Susanne Lorenz, S.53—75), die Rolle der Aristokraten in der Demokratie (Claudia Tiersch, S.77—92), das Bild, das sich Plutarch von diesem politischen System gemacht und — zumal in Gestalt seiner einflussreichen Biographien über Solon, Kimon und Perikles — weitervermittelt hat (Moritz Böhme, S.149—158), sowie die politische Funktion des Demokratiebegriffs in der römischen Kaiserzeit, oder genauer: im Werk des Cassius Dio, der zwei enge Vertraute des Augustus in zwei polaren Reden die politischen Optionen des neuen Herrschers darlegen lässt, wie sie sich jedenfalls aus der Sicht des zu Beginn des 3. Jahrhunderts n. Chr. schreibenden Dio darstellten. Vera V Dement‘eva erschließt Teile der neueren Forschung zur politischen Kultur der römischen Republik (5.107—141), wobei freilich ihre These, die formal durch Volkswahlen konstituierte römische Meritokratie habe so etwas wie den Ansatz zu einem Repräsentativprinzip dargestellt, nicht zu überzeugen vermag. Zwei Aufsätze behandeln die Integration der Juden in die ptolemäische Stadt Herakleopolis in Ägypten (Thomas Kruse) und die der frühen Christen in die Bürgerschaften der Städte, in denen sie lebten (Carmen Hammer). Der Mitherausgeber zeigt einleitend, wie viel Bewegung in die Forschung zu den mykenischen Palästen zuletzt wieder gekommen ist und wie leicht in die Irre geht, wer von einem mykenischen Begriff wie »damos« auf die viel späteren attischen Verhältnisse schließt (S.9—22) — von gleicher Semantik wird auch sonst oft zu leicht auf gleiche oder ähnliche Praxis geschlossen. Das ist für den Geschichtsunterricht vielleicht weniger relevant, aber methodisch höchst aufschlussreich!
Raimund Schulz und Uwe Walter im Literaturbericht Altertum

Rezensierter Titel:

Umschlagbild: Volk und Demokratie im Altertum

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Volk und Demokratie im Altertum

Schmitt, Tassilo/Dement’eva, Vera V./Böhme, Moritz/Brüggenbrock, Christel/Hammer, Carmen/Horst, Claudia/Kloft, Hans/Kruse, Thomas/Lapyrionok, Roman V./Link, Stefan/Lorenz, Susanne/Spickermann, Wolfgang/Tiersch, Claudia

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