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Rezension

h-soz-u-kult, 26.09.2023

Bei dem zu besprechenden Werk handelt es sich um die überarbeitete Version einer im Jahr 2014 in Göttingen eingereichten, von Achim Arbeiter und Peter Gemeinhardt betreuten Dissertation, die an der Schnittstelle zwischen den Fächern Christliche Archäologie, Byzantinische Kunstgeschichte und Kirchengeschichte angesiedelt ist. Die Studie ist dem frühen christlichen Heiligenkult in Rom am Übergang von Spätantike zu Frühmittelalter gewidmet und verfolgt das Ziel, in Erweiterung des auf Marc van Uytfanghe zurückgehenden Konzepts des hagiographischen Diskurses textgestützte Quellenarbeit dezidiert mit archäologischen Befunden zu kombinieren, also hagiographisches Schrifttum, materielle Zeugnisse und Sakraltopographie in ihren reziproken Beeinflussungen und Wechselwirkungen konsequent zusammenzudenken.
Das Unterfangen klingt nicht eben neu, dafür aber einigermaßen ambitioniert – zumal für eine erste Qualifikationsschrift, denn die Arbeit nimmt mit ihrem Zuschnitt ein – um es vorsichtig auszudrücken – nicht gerade unterbelichtetes Themengebiet in den Blick. Ganz im Gegenteil tangiert die Untersuchung Kern und Ursprung einer ganzen Reihe von (Sub)disziplinen, die jede für sich eine geradezu überbordende Flut an (kirchen)historischen, kunstgeschichtlichen, archäologischen, epigraphischen etc. Forschungsergebnissen produziert hat. Solch eine Problemstellung lässt sich nur selektiv-exemplarisch lösen. Mit Petrus und Paulus, Laurentius, Agnes und schließlich Maria fällt die Wahl allerdings ausgerechnet auf die ältesten und prominentesten römischen Heiligenfiguren. Um die Historizität zumindest der Präsenz der Apostelfürsten in Rom führt die Fachwelt zudem seit etwa einem Jahrzehnt erneut höchst kontroverse Diskussionen, die hier jedoch nur bis zu einem gewissen Grad verfolgt wurden.[1]
Für alle genannten Heiligen werden jeweils in einem monographischen Kapitel a) in einzelnen Schritten nacheinander die Quellen, Orte, Personifizierungen und stofflichen Foki der Devotion sowie die mit dem Kult assoziierten Akteure durchdekliniert (nach dem Schema Petrus und Paulus in Vaticano, an der Via Ostiense, ad catacumbas, intra muros; Maria ad praesepem, ad nives, ad martyres, in Trastevere etc.), b) stets gewissenhaft Tradition (z. B. gesta martyrum oder liber pontificalis) mit Überrest (Anlage, Architektur und Ausstattung der Kirchen und Zömeterien) kontrastiert und c) auf dieser Grundlage die Metamorphosen der römischen Heiligenverehrung im diachronen Längsschnitt vom 3. bis zum 8./9. Jahrhundert nachvollzogen. Kenner finden dabei viel Bekanntes wieder, Nichtspezialist:innen freuen sich über die obgleich bisweilen recht knappe Gesamtschau.
Nicht der Inhalt wirft insgesamt Fragen auf, mitunter aber Handwerkszeug bzw. wissenschaftliche Parameter, die den Ansprüchen des Sujets nur bedingt genügen. Der eigentliche analytische Hauptteil fällt angesichts des tiefgründigen Gegenstands mit circa 160 Seiten sehr kurz bis minimalistisch aus (S. 40–199; für Petrus und Paulus sowie Maria rund 40, für Laurentius 50, für Agnes ungefähr 30 Seiten). Viele Fragen und Zusammenhänge können so zwangsläufig nur oberflächlich behandelt werden. Selbiges gilt notgedrungen auch für den einleitenden Teil (S. 15–31) mit dreieinhalb Seiten Forschungsgeschichte und sechseinhalb Seiten historischem Kontext zu dem riesigen Feld Protagonisten, Räume, Bilder und Reliquien der Heiligen(verehrung) in der Spätantike.
Dass der Verlockung bibliographischer Fußnoten im Anmerkungsapparat widerstanden wird, mag man begrüßen, die nicht geringfügige Referenzierung von Lexikonartikeln und manch ein längeres wörtliches Zitat aus der Sekundärliteratur hingegen taugen kaum als adäquate Kompensation bei der Komplexitätsreduktion, sondern wirken eher übersimplifizierend. Deplatziert mutet zudem die häufig wenig umsichtige Konsultation von – teils veralteter – Forschungsliteratur an: So wird ausgerechnet zur Veränderung des Märtyrerkults im 4. Jh. (S. 34) verbatim ein Resümée aus einem neunseitigen Artikel von Alfred Stuiber von 1960 wiedergegeben, zu den Ursprüngen des Fests cathedra Petri (S. 47) allein Hans Lietzmanns erster Band der traditionsreichen Reihe »Arbeiten zur Kirchengeschichte« von 1927 herangezogen (obwohl die Arbeiten von Theodor Klauser sonst gerne verwendet werden), der Chronograph von 354 bzw. der catalogus liberianus (S. 47 u. 184f.) nach Louis Duchesne zitiert, ohne die Ausgabe von Johannes Divjak und Wolfgang Wischmeyer zumindest parallel zu nennen [2], zur Debatte um den vermeintlichen Wohnort des Petrus ad catacumbas (S. 63 u.ö.) hauptsächlich der freilich wichtige Aufsatz von Joseph Wilpert zur domus Petri von 1912 angeführt, der Wortlaut der Graffiti aus ebenjener Katakombe unter San Sebastiano aus einem Band zu den frühchristlichen Graffiti Triers entnommen, schließlich zum Marienbild des Ambrosius (S. 162 u. 172) Paul Ernst Lucius' »Anfänge des Heiligenkults in der christlichen Kirche« von 1904 zurate gezogen.
Streckenweise drängt sich somit der Verdacht auf, dass sich die Darstellung bevorzugt auf deutschsprachige Forschungsergebnisse stützt. Jüngere, zwischen Einreichung und Druck der Dissertation erschienene Publikationen sind überdies nicht mehr systematisch eingearbeitet worden. Einschlägige Veröffentlichungen, Editionen und Zusammenstellungen z.B. zur Märtyrerliteratur – abermals von Wischmeyer[3] – oder zu den Damasusepigrammen (etwa von Dennis Trout[4]) sucht man demnach vergebens. Ähnlich steht es um die Bände des Lexicon Topographicum Urbis Romae oder der Inscriptiones Christianae Urbis Romae, die zwar benutzt wurden, aber ebenso wenig Eingang in die Anhänge gefunden haben wie einige andere im Fußnotenapparat aufgeführte Titel. Dies alles schlägt sich in einer unausgewogenen und partiell überholten Bibliographie nieder und lässt in Summe auf mangelnde Sorgfalt schließen.
Der Gesamteindruck und Nutzen eines in seiner Anlage mutigen und sympathischen Versuchs der synthetischen Zusammenführung verschiedener mit dem Heiligenkult beschäftigter Forschungszweige wird dadurch leider getrübt. Der erst im abschließenden Kapitel »Ertrag« (S. 203–211) entwickelten Theorie, wonach die »Legenden« über Heilige – eine kritische Reflexion des Begriffs und eine Abgrenzung von legenda als Texttypus bzw. Gattung bleibt aus – nach einem schleichenden Prozess der Multiplizierung, Entindividualisierung und Dematerialisierung des Kults im Verlauf des 4. und 5. Jahrhunderts durch Verankerung in der Topographie der jeweiligen Erzählzeit reaktualisierte Plausibilität erfuhren, kann man sich konkludierend anschließen. Auch hierbei jedoch kommen in überdurchschnittlichem Maße andere Wissenschaftler:innen zu Wort.
Wolf Zöller

Anmerkungen:
[1] Otto Zwierlein, Petrus in Rom. Die literarischen Zeugnisse. Mit einer kritischen Edition der Martyrien des Petrus und Paulus auf neuer handschriftlicher Grundlage (Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte 96), Berlin 2009; Stefan Heid (Hrsg.), Petrus und Paulus in Rom. Eine interdisziplinäre Debatte, Freiburg i. Br. 2011; nicht herangezogen wurden Christian Gnilka/Stefan Heid/Rainer Riesner (Hrsg.), Blutzeuge. Tod und Grab des Petrus in Rom, Regensburg 2010 sowie die Erwiderungen bei Otto Zwierlein, Petrus und Paulus in Jerusalem und Rom. vom Neuen Testament zu den apokryphen Apostelakten (Untersuchungen zur antiken Literatur und Geschichte 109), Berlin 2013.
[2] Johannes Divjak/Wolfgang Wischmeyer (Hrsg.), Das Kalenderhandbuch von 354. Der Chronograph des Filocalus, 2 Bde., Wien 2014.
[3] Hans R. Seeliger/Wolfgang Wischmeyer (Hrsg.), Märtyrerliteratur (Texte und Untersuchungen zur Geschichte der altchristlichen Literatur 172), Berlin 2015.
[4] Dennis E. Trout (Hrsg.), Damasus of Rome. The Epigraphic Poetry. Introduction, Texts, Translations, and Commentary (Oxford Early Christian Texts), Oxford 2015.

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