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Rezension

idea Spektrum 27, 02.07.2018

Wie überlebe ich eine langweilige Predigt?
Bücher über das Predigen gibt es viele. Der Theologe Prof. Christoph Barnbrock wählte einen anderen Zugang und lädt in seinem »Hörbuch« dazu ein, Predigten mit den Ohren des Hörers wahrzunehmen. Mit Barnbrock sprach Karsten Huhn.
idea: Herr Professor Barnbrock, wie überlebe ich eine langweilige Predigt?
Barnbrock: Indem ich mir den Luxus gönne, auf die eine oder zwei interessanten Ideen der Predigt zu warten. Als Predigthörer versuche ich, mich nicht abschrecken zu lassen von dem, was langweilig daherkommt, sondern achte auf die Goldkörner.
Und die finden Sie immer? Nicht notwendigerweise. Sicher gibt es auch so schlechte Predigten, die so weit von meiner Lebenswirklichkeit oder vom Bibeltext weg sind, dass es schwerfällt, immer ein Goldkorn zu finden. Aber es gibt sie jedenfalls öfter, als viele denken.
Sie beschreiben das Predigthören als »geistlichen Kampfplatz«. Die Predigt ist nicht nur eine Kommunikation zwischen Menschen. Gott ist in seinem Wort mit aktiv und kann Predigthindernisse überwinden.
An welche Predigthindernisse denken Sie? Martin Luther sprach von Teufel, Fleisch und Welt. Das klingt in unseren Ohren vielleicht etwas altbacken, gilt aber auch heute. Dazu gehört unsere Trägheit und Müdigkeit, sich mit Glaubensfragen zu beschäftigen oder die Erfahrung, dass uns etwas vom Glauben abhalten will.
Wie werde ich ein guter Predigthörer? Viele Christen sagen mir: Ich bin kein guter Predigthörer. Man könne sich gar nicht alles merken, was in der Predigt vorkommt. Aber darauf kommt es auch gar nicht an. Ich verstehe das Predigthören als eine Entdeckungsreise. Und auch bei einer Expedition geht es ja nicht darum, sich danach an alles zu erinnern, sondern eine wertvolle, intensive Entdeckung zu machen. Viele Predigthörer empfinden sich dagegen erst einmal als relativ passiv und unbeteiligt.
So ist es nun mal im Gottesdienstalltag. Muss es aber nicht sein. Was ich höre, hat sehr viel mit meiner Einstellung als Predigthörer zu tun.
Bei mir ist es so: Als regelmäßiger Predigthörer leide ich unter theologischem Tinnitus. Die frommen Phrasen klingeln mir in den Ohren. Das geht mir ganz genauso. Es gibt aber auch viele Predigthörer, die auf vertraute Aussagen in der Predigt warten und enttäuscht wären, wenn diese nicht kommen ...
Wenn die Worte Evangelium, Gnade und Jesus Christus vorkommen, ist die Predigt geheiligt ... Das hilft dem Predigthörer in jedem Fall, die Ansprache in sein eigenes geistliches Koordinatensystem einzuordnen, als wenn das nicht explizit ausgesprochen würde. Was Ihren theologischen Tinnitus betrifft: Ich würde mir bei feststehenden Begriffen wünschen, dass sie vom Prediger stärker erklärt und in die Lebenswirklichkeit übersetzt werden. In meiner lutherischen Tradition sind das zum Beispiel Phrasen wie »Wort und Sakrament« oder »Gesetz und Evangelium« oder die Aussage »Der Mensch ist gerechtfertigt durch den Glauben« ? das ist alles richtig, aber es bedarf der Erklärung. Das ist so, als wenn ein Mensch mit einem 500-Euro-Schein vor einem Getränkeautomaten steht: Er hat viel in der Hand, aber bleibt dennoch durstig, weil er nicht mit kleiner Münze zahlen kann.
Wie wechselt man eine 500-Euro-Predigt in Kleingeld? Vor allem indem man seine Gemeinde gut kennt, mit ihr lebt, sie besucht, um ihre Probleme weiß. Außerdem braucht ein Prediger Mut. Wer Phrasen verwendet, ist immer auf der sicheren Seite. Wenn ich sage »Jesus Christus ist der Heiland der Welt« wird das in der Gemeinde keiner kritisieren. Je mehr ich jedoch neu formuliere, also in kleine Münze wechsle, desto mehr mache ich mich angreifbar. Das ist so, als wenn ich in Norwegen an einen Fjord trete: Wenn ich zehn Meter zurückbleibe, aus Angst, herunterzufallen, sehe ich relativ wenig. Wenn ich allerdings zu weit gehe, stürze ich ab. Eine gute Predigt geht bis an die Kante ? bleibt aber auf sicherem Boden. Ich muss mich also von einem übertriebenen Sicherheitsbedürfnis trennen.
Wo droht die größte Absturzgefahr? Bei Beispielen. Einerseits sind sie notwendig, um etwas zu veranschaulichen. Zugleich können sie aber auch leicht schiefgehen. Wenn man zum Beispiel darüber spricht, wie Jesus Christus in unserem Leben präsent ist, erlebe ich in Predigten immer wieder, dass versucht wird, diese Nähe sehr flach und trivial auszudrücken. Jesus kommt dann wie ein guter Kumpel rüber, den ich in der Kneipe treffe. Die Predigthörer verlieren bei solchen Aussagen das Interesse, weil sie spüren: Das passt nicht zu den Beschreibungen der Bibel. Da droht ein dogmatischer Absturz.
In Ihrem Buch beklagen Sie: »Es ist jeden Sonntag dasselbe. Der Pfarrer verkündigt von der Kanzel Botschaften, die so wenig überraschend sind wie die, dass der FC Bayern Meister wird.« Diese Erfahrung habe ich oft gemacht. Die Folge: Man erwartet nicht mehr viel von der Predigt, weil man ohnehin weiß, was gleich passiert. Also lasse ich es einfach über mich ergehen.
Ist es in Ordnung, wenn ich die Predigt schwänze, weil ich von einem bestimmten Pfarrer ohnehin nichts Gutes erwarte? Mich würde interessieren: Was genau ist es, was einen ärgert? Liegt es wirklich an der Person oder löst die Botschaft Ärger bei mir aus? Predigten können ja auch eigene Annahmen herausfordern. Sinnvoll wäre es sicher, mit dem Pfarrer darüber ins Gespräch zu kommen.
Und wenn der Pfarrer die Auferstehung Christi leugnet? Das wäre ein Bruch mit dem Glaubensbekenntnis. Es wäre so, als wenn sich ein Fußballspieler nicht an die Regeln hält und den Ball einfach mit der Hand spielt. In einer solchen Gemeinde wollte ich nicht Mitglied sein ? und würde die Gemeinde wechseln.
Die meisten Gemeindeglieder scheuen es, Ihren Pfarrer auf seine Predigt anzusprechen. Dabei tut man damit dem Prediger einen Gefallen. Denn das bedeutet, dass er ernst genommen wird. Für mich war deshalb der Übergang vom Vikariat ins Pfarramt ein Verlust: Im Vikariat bekam ich noch viel Rückmeldungen zu meinen Predigten. Als ich Pfarrer wurde, gab es das kaum noch.
Es hat sich keiner mehr getraut. Die Gespräche nach der Predigt haben mir sehr gefehlt. Denn Predigt ist Kommunikation, und sie sollte keine Einbahnstraße sein, sondern ein Gespräch. Übrigens nicht nur dann, wenn man sich über die Predigt geärgert hat. Es fällt jedenfalls leichter, Kritik anzunehmen, wenn man vorher schon im Gespräch war.
Was sind die Zutaten für eine hörerfreundliche Predigt?
Die Predigt muss dem Bibeltext gerecht werden und dabei den Alltag der Predigthörer im Blick haben. Der Bibeltext sollte also in die Lebenssituation der Hörer hineinsprechen. Die Predigt braucht einen klaren roten Faden, dem man gut folgen kann. Und die Predigt sollte nicht zu lang sein. Im Normalfall empfehle ich 15 Minuten. Allerdings: Eine richtig gute Predigt könnte auch eine Stunde dauern. Ein Kabarettprogramm dauert ja auch länger.
Komiker wie Dieter Nuhr oder Mario Barth unterhalten die Zuhörer bis zu zwei Stunden lang. Genau. Der große Unterschied: Sie müssen nicht jede Woche eine neue Predigt halten, sondern arbeiten teilweise Monate an ihrem Programm. Deshalb gilt: Je länger eine Predigt sein soll, desto besser muss sie auch vorbereitet werden.
Vielen Dank für das Gespräch!

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Rezensierter Titel:

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Hörbuch

Eine Entdeckungsreise für Predigthörerinnen und Predigthörer
Barnbrock, Christoph/Voigt, Marie-Luise

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