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Rezension

Lutherische Theologie und Kirche, 41. Jahrgang (2017) Heft 3

Die Hörerinnen und Hörer sind eine ständige Reflexionsdimension der Homiletik – nicht erst, aber verstärkt seit Ernst Lange. Phänomenologisch und empirisch sind die Homiletiker auf dieser Spur, und selbst Rudolf Bohren, der hier bekanntlich äußerst kritisch war, verlor die Hörer nicht aus dem Blick. Albrecht Grözinger verbindet und integriert diese Perspektiven in seinem verdienstvollen Homiletiklehrbuch als »Entdeckung« und als »Erfindung« des Hörers. Zu Recht macht Christoph Barnbrock dennoch auf einen blinden Fleck aufmerksam: Trotz der Hörerperspektive sind die Predigtlehren für Menschen, die predigen (lernen) wollen, geschrieben und auch wenn sie den Hörer berücksichtigen, berücksichtigen sie kaum, was beim Hören passiert. Diese terra incognita lässt uns Barnbrock nun entdecken und erkunden. In 23 Etappen führt er die Expedition in dieses kaum bekannte Terrain.
In der Vielfalt unterschiedlicher Hör-Arten, die beispielsweise Thomas Nisslmüller in 95 Modi unterscheidet, zeigt der Expeditionsleiter die im Blick auf das Predigthören notwendigen Differenzierungen, dabei Nisslmüller konstruktiv aufnehmend und fokussierend: szenisches Hören (Bilder-Hören), apologetisches Hören, domestizierendes Hören (mit der Extremform des ignoranten Hörens), überlegenes Hören, bescheidenes/demütiges Hören, frustriertes Hören, achtsames Hören, empathisches Hören, innovatives Hören, ruhendes/andächtiges Hören, eucharistisches/anmutiges Hören (20–23). Dass sich Hören und Verstehen nicht von selbst ereignen, sondern Missverständnisse auch beim Predigthören nicht selten sind, wird mit einem anschaulichen Beispiel illustriert und auf dem Hintergrund des Kommunikationsmodells von Friedemann Schulz von Thun praxisnah reflektiert (26–31). Die theologische Vertiefung von Kommunikation und Hermeneutik entfalten die folgenden Etappen, die gemäß lutherischer Dogmatik Hören und Glauben zueinander in Beziehung setzen (34–38) und dann die gegenwärtigen homiletischen Forschungen und Einsichten mit der Perspektive des Predigthörens in Verbindung bringen (40–82).
Den theologischen Lehrer und Pfarrer Christoph Barnbrock lernt man verstärkt auf den anschließenden Etappen kennen, da es nun um ein verbessertes Predigthören geht, sowohl im Umgang mit Hindernissen als auch um das Hören als eines geistlichen Vorbereitungsweges: »Predigthören als eine Haltung, in der ich bereit bin, tatsächlich auch eine fremde Botschaft zu hören. Es gilt, mich auf etwas einzulassen, was ich nicht immer schon gewusst habe. Und manchmal bedeutet es auch, im Ringen mit dem, was da verkündigt wird, zu einer neu zu gewinnenden Lebenshaltung im Glauben zu finden [...] Dass damit nicht jede Irritation beim Predigthören als geistliches Geschehen geadelt sein soll, versteht sich hoffentlich von selbst« (93). In den »Blickrichtungen fürs Predigthören« (96–99) werden schließlich empfehlenswerte Anregungen und Fragen formuliert. Die dienen – wie bereits die zum Abschluss jeder Etappe aufgeführten Hinweise und Leitfragen zum Sortieren und Austauschen der Eindrücke – zum kritischen Selbststudium, vor allem aber zur gemeinsamen Verständigung in Gemeindekreisen. Dass das Predigtnachgespräch, das wohl nur noch an wenigen Orten regelmäßig stattfindet, eine notwendige Etappe zum Predigthören und eines geschwisterlichen Austauschs ist, zeigt Barnbrock nicht nur theoretisch, sondern bietet dazu konkrete Anregungen zur Haltung der Wertschätzung und zur Gestaltung der Gespräche anhand verschiedener Leitfäden (108–119).
Diese Reise und Expedition ist zu empfehlen. Barnbrock gewinnt uns problemlos als Mitreisende – nicht zuletzt durch seine klare und ansprechende Sprache, durch die Konzentration auf das Wichtige und durch die didaktisch klugen Anregungen. Sein Buch kommt zum Ziel, wenn es nicht nur als Reiseführer gelesen wird, sondern Einzelne und Gruppen zu eigenen Erkundungen des je eigenen Predigthörens anregt und die Lust am Predigthören fördert. »Solche Predigterfahrungen wünsche ich Ihnen auf Ihren weiteren Entdeckungsreisen, dass unter allen menschlichen Worten Jesus Christus selbst das Wort ergreift, angefragter und zweifelnder Glauben gestärkt wird und sich geistgewirkte Freude Bahn bricht – wie damals in Emmaus« (129). Der Evangelist Lukas erzählt von der unverfügbaren Seite der fides ex auditu, und der Homiletiker Christoph Barnbrock zeigt, dass und wie konzentriertes, wertschätzendes und (selbst-)kritisches Predigthören Hörerinnen und Hörer bereichert – in Emmaus und heute.
Helmut Schwier

Rezensierter Titel:

Umschlagbild: Hörbuch

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Hörbuch

Eine Entdeckungsreise für Predigthörerinnen und Predigthörer
Barnbrock, Christoph/Voigt, Marie-Luise

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