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Rezension

Zeitschrift für Evangelische Ethik, 60. Jahrgang, Heft 2

Mit dem wachsenden Zugriff der Medizin auf die letzte Lebensphase des Menschen sind Tod und Sterben zu einem zentralen Gegenstand ethischer Diskussionen und rechtlicher Regelungen geworden. Dabei besteht jedoch die Gefahr, dass über der Fokussierung auf spezifische praktische Probleme die existenzielle Dimension von Tod und Sterben zu kurz kommt. Das ist zumindest die Diagnose von Christoph Reutlinger, der mit seiner von Johannes Fischer betreuten Dissertation einen Gegenakzent setzen möchte (vgl. 9f.). Ziel des Projektes ist es, »im Hintergrund ethischer Problemkreise um Tod und Sterben danach zu fragen, wie die medizinische Entwicklung die Ethik beeinflusst und welche Art von Auseinandersetzung mit dem Tod für den größeren ethischen Diskurs als fruchtbar erkannt werden kann.« (10) Dabei bekennt sich Reutlinger — für einen Schüler von Johannes Fischer sicherlich nicht überraschend — zu einer ethischen Zugangsweise, »die mehr am Verstehen ethischer Sachverhalte interessiert [ist] und nicht primär an der normativen Urteilsbildung« (9). In diesem Sinne möchte er aufzeigen, »dass gerade das Alltägliche, das Individuelle, das Subjektive — und nicht nur das Allgemein-Objektive oder Rationalistische — eine große Bedeutung für die ethische Beschäftigung mit dem Lebensende hat.« (ebd.)
Auf eine eher knapp gehaltene Einleitung (Kap. 1) folgen drei größere Kapitel, die sich nacheinander mit den Themen »Natürlicher Tod im Wandel der Zeit« (Kap. 2), »Auseinandersetzung mit dem Tod — Unnatürlicher Tod, Quodditas des Todes bei Jankélévitch und concerned ignorance bei Kierkegaard« (Kap. 3) und »Das Lebensende als Gestaltungsaufgabe« (Kap. 4) befassen. Aufbau und Inhalt von Kap. 3 und 4 sind vor dem Hintergrund des vom Verfasser benannten Anliegens weitgehend nachvollziehbar. In Kap. 3 folgen auf einige einleitende Bemerkungen zur »Unnatürlichkeit« des Todes, die offenkundig der semantischen Verknüpfung von Kap. 2 und 3 dienen, zunächst Überlegungen zu der Frage, was es bedeutet, zu sterben. Methodologisch lehnt sich Reutlinger dabei nicht nur an seinen Lehrer Fischer an, sondern auch an seinen Kollegen Christoph Ammann, von dem er den später in der Forderung nach einer »bedeutungssensiblen« Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterben wiederkehrenden Gedanken übernimmt, dass wir als Menschen »bedeutungs-sensible Wesen« sind (Ammann, Christoph: Emotionslose Ethik? Überlegungen zur Objektivität und Rationalität moralischer Wahrnehmung, in: Ethica 18, 4 [2010], 291-318, 310; hier zitiert nach Reutlinger 2014, 71).
Wie eine Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Todes aussehen kann, die dessen existenzieller Dimension gerecht wird und zugleich positive Perspektiven zu eröffnen vermag, ohne den Tod durch billigen Trost zu bagatellisieren, will Reutlinger am Beispiel des französischen Philosophen Vladimir Jankélévitch und des dänischen Denkers Sören Kierkegaard veranschaulichen. Von Jankélévitch übernimmt er die Unterscheidung zwischen der Quidditas, dem Was, und der Quodditas, dem Dass des Todes. Über den Tod können wir nur wissen, dass er ist, aber nicht, was er ist: »Le fait-que ne répond pas à la question de savoir quid sit mors, quid c’est-à-dire qualis (ou quomodo) et quanta, quando et ubi, mais il énonce simplement le fait quod mors sit« (Jankélévitch, Vladimir: La mort, Paris 1977, 136; hier zitiert nach Reutlinger 2014, 86) Mit dieser Fokussierung auf die Quodditas des Todes wird aus Reutlingers Sicht die Infragestellung der individuellen Existenz durch den Tod ernst genommen (vgl. 85f.). Gleichzeitig entdeckt Reutlinger bei Jankélévitch Motive einer präsentischen Eschatologie: Von der Quodditas des Todes her fällt Licht auf die Quodditas des Lebens; wer geliebt hat, hat wahrhaft gelebt, und diese Tatsache wird durch den Tod nicht aufgehoben, sondern bekräftigt und gleichsam »in die Ewigkeit ein[geschrieben]« (91). Kierkegaard (bzw. dessen Pseudonym Johannes Climacus) dient Reutlinger vor allem als »klassische Referenz für die Unterscheidung eines subjektiven von einem objektiven Ethikverständnis in Bezug auf den Umgang mit Sterben und Tod« (110). Seine Kritik an einer auf Objektivität setzenden Ethik sei bis heute gültig, wie Reutlinger im letzten Abschnitt von Kap. 3 zu zeigen versucht.
Kap. 4 konkretisiert die vorangegangenen Überlegungen mit Blick auf die veränderten Bedingungen des Sterbens im 20. Jahrhundert. Die Möglichkeiten der modernen Medizin und die Forderung nach Autonomie am Lebensende führen nach Reutlinger zu einem »faktischen Gestaltungsimperativ« (vgl. 130.138.147), der wiederum die Forderung nach einer »individuellen Reflexion von Sterben und Tod« nach sich zieht (147). Dabei scheint Reutlinger davon auszugehen, dass Menschen durch eine »subjektiv-bedeutungssensible Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod« (ebd.), wie er sie in Kap. 3 stark gemacht hat, auch in ihrer Entscheidungsfähigkeit im Blick auf die letzte Lebensphase gestärkt werden (vgl. 148 u. 153). Für die Ethik bedeutet das nach Reutlinger, Vorsicht zu wahren »im Aufstellen von allgemeinen Regeln und Normen, die sich aus objektiven Argumentationen ableiten, wenn diese den einzelnen Menschen betreffen sollen« (153). Ihr Ziel müsse vielmehr sein, »den Menschen in seiner subjektiven Entscheidungsfindung zu stärken, seine reflexiven Anstrengungen zu fördern und ihn zu sensibilisieren für die ethisch relevante Bedeutungsebene« (154).
Folgt man der bisher gezeichneten Linie, so ergibt die Arbeit ein stimmiges Ganzes, das zwar keine bahnbrechenden neuen Einsichten liefert und mit seiner etwas holzschnittartigen Entgegensetzung von »objektiven« bzw. »allgemeinen« und »subjektiven« bzw. »individuellen« Ansätzen in der Ethik sicher nicht jeden überzeugen wird, für theologische und philosophische Leser aber nicht zuletzt als Einführung in das faszinierende Werk La mort von Jankélévitch interessant sein dürfte. Aus (zumindest für die Rezensentin) schwer nachvollziehbaren Gründen hat der Verfasser seinen Versuch, im Gespräch mit Jankélévitch und Kierkegaard für die existentielle Dimension der ethischen Auseinandersetzung mit Tod und Sterben zu sensibilisieren, jedoch unter die Überschrift »Natürlicher Tod und Ethik« gestellt. In der Einleitung heißt es dazu lapidar, dass es eine Diskussion über den Tod gebe, »die am Schnittpunkt von naturwissenschaftlicher Erkenntnis, Todesbild und sozialethischen Fragestellungen ansetzt«, nämlich den »Diskurs über den sogenannten ›natürlichen Tod‹« (gemeint ist hier vor allem eine in den sechziger und siebziger Jahren zwischen Sozialwissenschaftlern, Philosophen und Theologen geführte Diskussion); aus diesem Grund werde sich der Verfasser mit dieser Begrifflichkeit beschäftigen (10). Der Ertrag der entsprechenden Auseinandersetzung bleibt jedoch dünn, und die Verknüpfungen zum Rest der Arbeit wirken eher konstruiert.
Die Darstellung der Positionen von Werner Fuchs, Jean Baudrillard, Ivan Illich und anderen in Kap. 2 ist für sich genommen zwar durchaus lesenswert. Die Feststellung, »dass es eine Vielfalt an Stimmen respektive Verwendungsweisen von Natürlichkeitsterminologie in Bezug auf Sterben und Tod« gibt (66), stellt angesichts der bekannten Ambiguität des Naturbegriffs jedoch kein sehr überraschendes Resultat dar. Und wenn es am Ende heißt, »dass dasjenige, was z.B. in Ausdrucksformen wie der Rede vom natürlichen Tod in der Alltagssprache vorkommt, einen hohen Reflexionsbedarf hat und ein Nachdenken über diese subjektiven Fragen [i.e. die Fragen, »was überhaupt menschlich ist und wann der Tod aufgrund des persönlichen Lebensverlaufs individuell natürlich ist«] ein Desiderat in der heutigen Ethik darstellt« (66), der Verfasser jedoch gleich hinzufügt, dass es dabei nicht darauf ankomme, »an einer bestimmten Ausdrucksweise festzuhalten (z.B. natürlicher Tod)« (ebd.; vgl. auch 130 u. 154), sondern darauf, »sich auf die Fragen um das Letzte des Menschen einzulassen: Das Fragen nach seinem Sterben und dem Tod« (ebd.), drängt sich die Frage auf, warum er denn selbst daran festhält, eine Arbeit über den natürlichen Tod zu schreiben.
Diese Spannung zwischen dem »offiziellen«, durch den Titel angezeigten Thema der Arbeit und dem eigentlichen Anliegen des Verfassers wird leider bis zum Schluss nicht aufgelöst. Der allerletzte Absatz — »Im Sinne meiner Überlegungen in dieser Arbeit ist das Ziel einer medizinischen Ethik, sensibel zu machen für den Einzelnen in seiner individuellen Situation und am Ende des Lebens für den ›natürlichen‹, subjektiven Tod. Eine ethisch verantwortete Medizin ist aber nicht möglich, wenn nur die Medizinerinnen sensibilisiert werden, vielmehr muss jeder einzelne Patient und jede einzelne Patientin selbst erkennen, was für ihn und sie ein ›natürlicher Tod ist.« (156) — macht zwar deutlich, wie Reutlinger selbst sich die Auflösung denkt (nämlich im Sinne einer Gleichsetzung des »natürlichen Todes« mit dem vom einzelnen Patienten als angemessen und insofern natürlich empfundenen Tod). Aber wäre es dann nicht naheliegender gewesen, auf die Begrifflichkeit des »natürlichen Todes« von vornherein zu verzichten?
Ruth Denkhaus

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Umschlagbild: Natürlicher Tod und Ethik

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Natürlicher Tod und Ethik

Erkundungen im Anschluss an Jankélévitch, Kierkegaard und Scheler
Reutlinger, Christoph

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