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Rezension

Theologische Rundschau 81 (2016)

Um die Hermeneutik biblischer Texte ist es in jüngerer Zeit eher still geworden, zumindest wenn man darunter einen eigenen Zweig alt- und neutestamentlicher Textforschung versteht. Freilich hat jede Beschäftigung mit den Texten auf die eine oder andere Art Rechenschaft über die Frage des angemessenen Zugangs abzulegen. Gleichwohl fällt auf, dass, anders als die Literatur- und Religionsgeschichte, Hermeneutik derzeit nicht die Disziplin ist, mit der sich die biblischen Fächer so etwas wie eine definierende Mitte oder zumindest eine Positions- oder Standortbestimmung geben. Das ist insofern notierenswert, als die Hermeneutik (mit F.D.E. Schleiermacher) etwa zur gleichen Zeit zu ihrer ersten Blüte gelangte wie die historisch-kritische Bibelexegese. Über weite Strecken der modernen Bibelforschung war die Komplementarität von Textkritik und Texthermeneutik, von geschichtlicher Einzelbetrachtung und dem Verständnis des Gesamtbilds kennzeichnend. Ob sich diese Komplementarität gegenwärtig anders darstellt oder ob diesbezüglich ein Desiderat der Bibelforschung zu verzeichnen ist, sei hier dahingestellt. In jedem Fall ist zu begrüßen, dass mit ACHIM BEHRENS »Das Alte Testament verstehen« eine weitere Einführung vorliegt1, die das Literaturangebot für den akademischen, aber auch für den breiteren kirchlichen Unterricht bereichert. Zum Teil ist das Werk auch als Arbeitsbuch konzipiert, etwa durch Wiederholungsfragen am Ende einzelner Abschnitte, die im Sinne der Ergebnissicherung konzipiert sind.
Das Buch ist in vier Teile gegliedert: 1. »Was ist Hermeneutik?«, 2. »Geschichtliche Stationen der Fragestellung«, 3. »Lösungsansätze in der neueren Theologie« und 4. »Annäherungen«. Deutlich liegt der Hauptakzent auf dem dritten Teil, der knapp zwei Drittel der Darstellung einnimmt und der wohl auch der Grund ist, weshalb man zu diesem Buch greifen sollte. B. bietet hier eine umsichtige und ausgewogene Aufarbeitung der deutschsprachigen Diskussion seit Rudolf Bultmann bis hin zu Frank Crüsemanns »Das Alte Testament als Wahrheitsraum des Neuen« von 2011. Hilfreich ist hier vor allem die übersichtliche Rubrizierung einer freilich alles andere als übersichtlichen Debatte. B. unterscheidet fünf Grundtypen alttestamentlicher Hermeneutik, die er je nach Fall thematisch oder systematisch beschreibt: 1. »Verheißung und Erfüllung«, 2. »Typologie«, 3. »Existenziale Interpretation«, 4. »Gemeinsame Geschichte von AT und NT« und 5. »Hermeneutik des AT im Gespräch mit dem Judentum«. Natürlich kann man im Einzelfall fragen, ob z.B. Gerhard von Rad eher in die Kategorie »Verheißung und Erfüllung« statt »Gemeinsame Geschichte« gehört hätte. Aber genau darüber lässt sich angesichts der Darstellung, die B. bietet, sinnvoll nachdenken. Es hätte sich gelohnt, der Typologie noch einen sechsten Aspekt über Intertextualität und innerbiblische Interpretation hinzuzufügen. Beide spielen in der gegenwärtigen alttestamentlichen Forschung nicht nur in der materialen Exegese, sondern gerade auch im grundlegenden Verstehen alttestamentlicher Texte eine zunehmend wichtige Rolle.
Bedauerlich ist, dass sich das Buch in seiner Wahrnehmung des Gegenstandes doch sehr auf klassische Positionen (»herausragende Theologen«, 12) des deutschsprachigen Raumes beschränkt. Insbesondere feministische und befreiungstheologische Ansätze bleiben dadurch ebenso außen vor wie die im anglo-amerikanischen Bereich geführte Debatte um synchrone versus diachrone Zugänge zum Verstehen biblischer Texte. Auch der Aspekt von Wirkungs- und Rezeptionsästhetik bleibt unberührt. Dabei ist es keinesfalls so, wie B. behauptet (27), dass solche Themen nur innerhalb einer allgemeinen Bibelhermeneutik zu verhandeln wären und nicht auch im spezielleren Rahmen einer alttestamentlichen Hermeneutik. Hier verharrt B. doch in einer gewissen Binnenperspektive. Das lässt sich möglicherweise dadurch erklären, dass für ihn der Kern alttestamentlicher Hermeneutik das Verhältnis zum Neuen Testament ist. Diesbezüglich kann man mit einem gewissen Recht sagen, dass der Schwerpunkt der Diskussion, zumindest über weite Strecken, im deutschsprachigen Raum lag.
Das Buch hat also durchaus Grenzen, die manchen vielleicht als zu eng gesteckt erscheinen werden. Innerhalb dieser Grenzen, das sei noch einmal betont, wird allerdings viel Informatives und Hilfreiches geboten. Für Lehrveranstaltungen im Bereich biblischer Hermeneutik und Theologie liegt hier ein sehr brauchbares Arbeitsmittel vor.
Andreas Schüle
1. Weiterhin ist auf M. Oeming, Biblische Hermeneutik. Eine Einführung, Darmstadt 1998 (4. Aufl. 2011) zu verweisen.

Rezensierter Titel:

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Das Alte Testament verstehen

Die Hermeneutik des ersten Teils der christlichen Bibel
Behrens, Achim

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