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Rezension

Lutherische Theologie und Kirche, 39. Jahrgang (2015) Heft 4

Martin Luther bevorzugte unter den Synoptikern das Matthäusevangelium. Albrecht Dürer, der sich 1525 in der Nürnberger Reformation engagierte, dagegen hob Markus hervor. Er schenkte dem Rat der Stadt Nürnberg 1526 als sein künstlerisch-theologisches Vermächtnis das Doppelgemälde der »Vier Apostel« (heute Alte Pinakothek München) und malte dort die drei wichtigsten Apostel Luthers – Johannes, Paulus und Petrus – sowie Markus. Sein Markus ist Choleriker (gemäß der Temperamentlehre des 16. Jh.) und steht an Bekanntheit im Hintergrund der anderen Apostel. Deshalb gehört er im Gemälde nach hinten. Aber in diesem Hintergrund besitzt er wahrhaft Biss; Dürer zeigt ihn mit scharfem Blick und mit befremdlich zum Biss geöffneten Mund. In der Hand trägt er eine Schriftrolle; er ist nicht nur Teil des Evangelienbuchs, das Johannes in der Hand hält, sondern ein Zeuge für sich. Sein Zeugnis warnt; Dürer lässt Luthers Übersetzung von Mk 12,38–40 dem Gemälde beifügen (»habt acht ...«). Das kritisiert die Schriftgelehrten in den Wirren des 16. Jh., aber indirekt auch alle Mächtigen der Welt, wenn die sich mit Ehrenplätzen und Prachtgewändern zum Herrn über andere aufspielen.
Dieser Markus Albrecht Dürers fasziniert Volker Stolle (V.S.) in seinem Kommentar. Er zitiert Dürers Gemälde in der Einleitung (24) und legt Mk 12,38–40 als Kritik falscher Autoritäten aus (294–296, allerdings dort um der Einbindung ins 1. Jh. willen ohne einen nochmaligen Bogen zu Dürer); und er teilt wichtige Aspekte Dürers: Auch sein Markus hat Biss. Der markinische Jesus ist zwar nicht cholerisch, aber hochemotional. Er wird zornig (Mk 3,5), seufzt (Mk 7,34; 8,12), umarmt (Mk 9,39; 10,16) und liebt (10,21). Er stürzt sich in die Auseinandersetzung mit Dämonen und Gegnern, und er packt heftig bei den Menschen zu, die ihm nachfolgen. Das Evangelium reißt daher die Leserinnen und Leser aus der Ruhe, damit sich von Jesus fesseln lassen und auf ihn hören (Gesamtcharakteristik 13–32; zur Emotionalität Jesu 21 und Einzelauslegungen).
Um ein solches klares Bild erheben zu können, trifft V.S. eine wichtige Vorentscheidung. Er legt den griechischen Text auf der Ebene des Evangelisten aus. Gewiss, er weiß, dass dem Evangelisten Traditionen vorausgehen und dass es ein Interesse an der Rückfrage nach den historischen Ereignissen von Jesu Wirken und Leiden gibt. Doch er stellt die traditionsgeschichtliche und die historische Nachfrage zurück (32). Seine Auslegung gilt ganz der Ebene des Evangelisten, einem ebenso bemerkenswerten wie irritierenden Autor. Denn Markus (wie der anonyme Autor herkömmlich genannt wird) macht sich im Werk fast unsichtbar; nur in einem einzigen Vers, in 1,1 gibt er auktorial, von außen hinführend seine christologische Position an (29.38f.). Er verzichtet auf mnemotechnische Stilistik (vgl. 15f.) und schafft eine große »episodische Erzählung«, angelehnt an Formen der Idealbiographie, primär die Philosophen- und daneben die Prophetenbiographie.
Ein solcher Zugang zu Mk auf der vorhandenen Ebene des (kritisch rekonstruierten) Textes des Evangelisten ist in den Forschungswandel der letzten Jahrzehnte gut eingebettet. Form-, Traditions- und Redaktionsgeschichte dürfen den schriftstellerischen Rang des vorhandenen Textes und seines Autors nicht mindern. Dennoch ist der besondere Akzent des Kommentars zu beachten. Denn wer anders fragt, z.B. die Narrativik im Überlieferungsprozess vor Markus verankern und von dort aus erschließen will, muss den Blickwinkel verschieben. Jüngste Literatur erlaubt solche Erweiterungen des Blickwinkels (vgl. Sandra Hübenthal, Das Markusevangelium als kollektives Gedächtnis, FRLANT 253, Göttingen 2014, nach Abschluss des Kommentarmanuskripts erschienen).
Allerdings gestattete die Anlage des Kommentars V.S. nur knappe Literaturhinweise (398f.), keine explizite Auseinandersetzung mit Literatur (Fußnoten sind ausgeschlossen). Deshalb ist manchmal zwischen den Zeilen zu lesen. Nennen wir eine wesentliche Entscheidung:
V.S. lehnt die These ab, das Markusevangelium sei tief überschattet von der »Erfahrung der Abwesenheit des Herrn in der Zwischenzeit zwischen Auferstehung und Parusie« (26), und trennt sich damit von der Betrachtungsweise D. du Toits (Der abwesende Herr. Narrative und geschichtstheologische Strategien im Markusevangelium zur Bewältigung der Abwesenheit des Auferstandenen, WMANT 111, Neukirchen-Vluyn 2006; angegeben nur 399, nicht 26). Laut V.S. wehrt Markus von vornherein einer Abwesenheit Jesu, indem er den Glauben an die irdische Wirksamkeit Jesu zurückbinde (ebd.). Maßgeblich sichtbar wird das in Kap. 13, dem deutlichsten Spiegel der Gegenwart des Evangelisten (Auslegung 298–319; wegen dieses Kap. ist Mk um das Jahr 70 zu datieren, ohne dass V.S. die Datierungsfrage hervorhöbe). Jesu Rede gipfelt dort in V. 31 »Der Himmel und die Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen« (Übersetzung V.S. 315). Daraus ergibt sich der »hermeneutische Schlüssel« für das Evangelium: »Die eigene Gegenwart wird mit der erzählten Vergangenheit verbunden. Und als verbindendes Element gibt Markus die bleibenden Worte Jesu an, die nicht vergehen. Mit diesen Worten wird Jesus zum Lebensschicksal auch der Lesegemeinde, das über ihr irdisches Ergehen ebenso entscheiden wird wie über ihre endzeitliche Errettung (13,12f.27)« (300).
Um dieser Vergegenwärtigung Jesu willen erzählt der Autor. V.S. erhebt die Strategien des markinischen Erzählens in vielen Details und stellt sie genau am griechischen Text dar, den er zu jeder Perikope zitiert, damit durch die Übersetzung so wenig Nuancen wie möglich verloren gehen. Häufig findet er ineinander verschachtelte Erzählstränge; dann stellt er die Stränge nebeneinander dar (z.B. Mk 10,17–27 S. 239f.; die Emotionalität Jesu in 10,21 schildert er 243f. freilich so dezent, dass ihre Brisanz kaum sichtbar wird). Vor- und Rückverweise haben wesentliches Gewicht, z.B. der Vorverweis in 14,3–9; weil Jesus hier schon zum Begräbnis gesalbt wird, ist der scheiternde Salbungsversuch in 16,1–8 nicht als Erzähllücke zu werten, sondern bildet die letzte Perikope des Mk in einem offenen Schluss und Übergang dazu, »dass die Geschichte des Evangeliums weitergeht« (16.328.383, Zitat 383).
Nennen wir als Beispiel für eine relevante genaue Übersetzung noch Jesu Gebetsruf am Kreuz. Er ist nicht mit »warum«, sondern mit »wozu« zu übertragen, weil ε?ς τ? steht. D.h. das Gebet fragt »nach dem von Gott verfolgten Heilsziel« (Übersetzung 371, Deutung 374).
Eine Erzählung erlaubt Spannungen. Selbst die Bezeichnung »Sohn Gottes«, das vielleicht wichtigste Christus-Prädikat des Mk, wird nach den Untersuchungen von V.S nicht einheitlich gebraucht. Manchmal hat es eher den Klang der singulären Hervorhebung durch Gott, manchmal eine herrscherlich-messianische Konnotation, manchmal signalisiert es Frömmigkeit im Gottesvolk (1,11 und 9,7; 14,61; 15,39; vgl. S. 42 u.ö.). V.S. stellt zudem begründet heraus, dass der Centurio unter dem Kreuz mit dieser Bezeichnung Jesu kein Bekenntnis im Sinne der Gemeinde ablegt, sondern zurückblickt. Der Tod ist für ihn Jesu Ende; Jesus »war« (nicht »ist«) Gottes Sohn (15,39; S. 375). Mk freilich führt durch den Kontext darüber hinaus. Das Wort des Centurio meint bei ihm in der Sache »Er war ein Gerechter« (375; Lk 23,47 hätte das sachgemäß nach Mk erfasst). Man könnte daher überlegen, die Stelle den Ironien hinzuzufügen, die V.S. als ein mk Stilmerkmal erkennt (Einleitung S. 23).
Die Entscheidung über den Titulus und das Wort des Cenurio ist relevant. Denn die Hinrichtung Jesu als »der König der Judäer« (so die Übersetzung 366) setzt ein politisches Signal (vgl. 368), das bei einem schärferen Gegensatz zu Rom noch klarer würde (V.S. sieht die Hinrichtung Jesu als König nicht spannungsfrei ins Mk eingebettet; 20f.361–363.368). Daher sei auf einen Trend der gegenwärtigen Mk-Forschung hingewiesen, den V.S. weniger in Betracht zieht: »Sohn Gottes« verbreitete sich in der Kaisertitulatur des 1. Jh. Daher könnte der Hauptmann meinen »Dieser war ein ›Sohn Gottes‹ = Thronprätendent im Gegensatz den Kaisern Roms, der nun richtig unter dem Urteil hingerichtet ist, König der Judäer zu sein“. Das Wort des Hauptmanns würde ablehnender und die Ironie schärfer, fast johanneisch, da der Hauptmann, der Jesus decouvrieren will, auf einer anderen Ebene die Wahrheit Jesu träfe. Zurück zu V.S.:
Eine gestaltete Erzählung besitzt immer auch eine Leitlinie. Bei Mk ist es die des Lehrers Jesus. Eine Relation zur Philosophenbiographie entsteht. V.S. erhebt das Wortfeld des Lehrens in der Breite der Belege (393f.; das Wortfeld ist demnach im Mk noch wesentlicher als im Mt und Lk) und die mk Besonderheiten, namentlich die Öffnung der Lehre über das Wort hinaus. Jesu Lehre erfolgt im Mk überaus gewichtig auch in Taten. Erst das Ineinander von Wort, Tat und Person ergibt die überragende Vollmacht, auf die es dem Evangelium ankommt (1,27; S. 24 und Einzelauslegungen). In der Lutherübersetzung ist das freilich schwer erkennbar, weil sie »Lehrer« vorzugsweise durch »Meister« wiedergibt. Fast wünschte man deshalb, die gegenwärtige Revision der Lutherübersetzung würde von V.S. lernen, das Wort »Meister« in »Lehrer« zu aktualisieren (im 16. Jh. war »Meister« wegen des Bezugs zu »Magister« anders als heute als ein Wort für »Lehrer« erkennbar).
Ein solcher Wunsch an die im Gottesdienst benützte Übersetzung ist dem Kommentar angemessen. Denn V.S. will durch seine Auslegung nicht nur die Wissenschaft anregen, sondern zielt auf den Gebrauch des Evangeliums in der Gemeinde und in der Predigt, bes. der lutherischen Predigt. Ein eigenes Kapitel dient deshalb dem Ausblick auf die Predigt (384–389), unter anderem mit dem Hinweis, im Mk finde sich zwar keine Rechtfertigungsterminologie, aber ein Korrelat in den Aussagen über die Sündenvergebung (388; vgl. Mk 2,9 S. 68). Eine Predigt zu Mk 3,31–35 ist angefügt (389–391).
Stellen-, Personen- und Sachregister erleichtern die Benützung des Kommentars. Die knappe und doch gehaltvolle und sehr anregende Auslegung kann zum Verständnis des Evangeliums gute Dienste tun. Möge ihr entsprechend Erfolg beschieden sein!
Martin Karrer

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Das Markusevangelium

Text, Übersetzung und Kommentierung (unter besonderer Berücksichtigung der Erzähltechnik)
Stolle, Volker

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