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Rezension

Jahrbuch für Freikirchenforschung (24) 2015

Während in der angelsächsischem Methodismus-Forschung John Wesley seit einigen Jahrzehnten auch als systematisch denkender Theologe entdeckt worden ist, bleibt die deutschsprachige Forschung stärker von historischen Beiträgen bestimmt. Umso mehr ist es zu begrüßen, dass mit Klaibers umfassender Darstellung der Theologie Wesleys in pneumatologischer Perspektive ein anregend zu lesender und in den Quellen gut belegter Beitrag zur Diskussion der Theologie Wesleys vorliegt. Anliegen des Vf. ist es dabei nicht allein, Wesleys Lehre von der Erneuerung des Menschen aus dem Heiligen Geist in ihren verschiedenen Bezügen zu entfalten, sondern auch zu prüfen, welche Konsequenzen sich aus ihr für das Handeln der (evangelisch-methodistischen) Kirche in »Verkündigung, Gemeindearbeit und Pflege des geistlichen Lebens« (7) ergeben. Diese duale Leitbestimmung der Arbeit wird erfreulich konsequent durchgehalten.
Kapitel 1 bietet eine genetische Analyse der für den jungen Wesley prägenden Einflüsse (engl. Reformation, Puritanismus, Aufklärung) sowie des geistigen und geistlichen Milieus, in das hinein er sozialisiert wurde. Die aus den Tagebüchern, Briefwechseln und frühen Predigten heraus erläuterte Entwicklung Wesleys bis zu seiner Lebenswende 1738 wird auf die These hin geordnet, wonach Wesley die »theologische Grundbehauptung, dass Heiligung Werk des Heiligen Geistes« ist und nicht Resultat eigener Bemühungen, vor 1738 »nicht einholen« konnte (39). Damit ist die Hintergrundfolie für eine Sicht auf Wesleys Ausbau einer profunden Pneumatologie aufgespannt.
Wesleys »Aldersgate«-Erfahrung vom 24. Mai 1738 wird als existentielle »Erfahrung der Heilsgewissheit« (48) interpretiert, in der Wesley der ihm die durch den Herrnhuter Peter Böhler vermittelten Lehre von der Rechtfertigung aus Glauben nun auch persönlich gewiss wird. Klaiber zitiert ausführlich Luthers Vorrede zum Römerbrief, wobei für seine Interpretation die Aussage wichtig ist, wonach der Glaube »den heiligen Geist mit sich« bringt. Für ihn ist dies der erste Beleg für die Verankerung des inneren Zeugnisses des Geistes in der Lehre Wesleys. Allerdings ist m. E. auffällig, dass Wesley in seinem Tagebuch die Erfahrung dieses Tages entschieden christologisch formuliert! Im Folgenden wird die Entwicklung der Lehre vom witness of the Spirit in der Theologie Wesleys nachgezeichnet. Die »reife« Gestalt von Wesleys Lehre sieht der Vf. in der Auffassung, wonach das Zeugnis des Geistes den rechtfertigenden Glauben begründet und zugleich von den Folgen (Friede, Freude etc.) unterschieden wird. Diese These hätte an den Texten noch stärker belegt und die für Wesleys Entwicklung wichtige Ausdifferenzierung des Gewissheitsbegriffs aus der Fußnote in den Haupttext gehoben werden können. In der Schwebe bleibt, inwiefern Wesley selbst für eine in der Lehre von der Heilsgewissheit ihren Ausgang nehmende »Psychologisierung des Glaubens« (63) verantwortlich zeichnet. M. E. läuft Wesleys Lehrentwicklung ihr gerade zuwider.
Kapitel 3 zeichnet Wesleys Sicht vom Wirken des Heiligen Geistes auf dem Heilsweg nach. Das Wirken der Gnade (das Wesley nur als Wirken des Geistes verstehen kann) wird in den auf Wesley selbst zurückgehenden Differenzierungen erläutert. Dabei wird die »vorlaufende Gnade«, mit der Wesley die Antwortfähigkeit des Menschen gegenüber dem Heilsangebot Gottes begründet, nicht stärker profiliert — möglicherweise, weil die Frage nach dem Verhältnis von Glaube und Werken in zwei eigenen Abschnitten besprochen wird. Klaiber arbeitet durch Wesleys Entwicklungen hindurch heraus, dass dieser am sola gratia der Reformation festhält, es ihm zugleich aber gelingt, die Entgegensetzung von Gotteswerk und Menschenwerk zu überwinden. Letzteres hat, so die These des Vf. (vgl. 98), seinen Grund in Wesleys Pneumatologie: »Der Mensch ist Subjekt des eigenen Lebens auch in geistlicher Hinsicht, aber er ist nie von Gott und seinem guten Geist verlassen« (101).
Der Heilsweg ist bei Wesley nicht ablösbar vom Kontext der Gnadenmittel, also solcher Kernpraktiken des gemeinsamen Glaubens, bei denen Gott unter menschlichem Tun seine Gnade mitteilt. Besondere Beachtung findet hier bei Klaiber das Abendmahl (vielleicht auch deshalb, weil das der Rezeptionsgeschichte im Methodismus eher zuwiderläuft). Wesleys pneumatologisch bestimmtes Verständnis jenseits der seit der Reformation vertretenen kontroverstheologischen Positionen zur Realpräsenz Christi kommt sehr schön zur Geltung (vgl. 109). Impulse für eine erneuerte Abendmahlspraxis werden in einer zwar nicht in jedem Punkt überzeugenden, aber insgesamt doch bedenkenswerten Weise erschlossen. Wesleys Verständnis der Taufe, die aufgrund ihrer Einmaligkeit aus der Aufzählung der Gnadenmittel herausfällt, lässt sich auf so knappem Raum kaum widerspruchsfrei rekonstruieren, weshalb die Darstellung in diesem Abschnitt auf Thesen zu einem methodistischen Taufverständnis hinausläuft. Weitere Gnadenmittel wie Gottesdienst, Gemeinschaft und Gebet werden erläutert und behutsam auf ihre gegenwärtige Bedeutsamkeit hin interpretiert.
Ein pneumatologischer Zugang zu Wesleys Theologie kann nicht darauf verzichten, auf die »Begleitmusik« des Geistwirkens einzugehen (Kap. 5), also auf Zeichen und Wunder, die das Wirken des Geistes begleiten, ohne auf einer Ebene mit dem Wirken des Geistes im inneren Zeugnis zu stehen zu kommen. Wesley verbindet, so wird deutlich, das Interesse an übernatürlichen Phänomenen mit der Neigung zu einer insgesamt nüchternen Beurteilung, wobei die Klammer zwischen beidem m. E. Wesleys ausgeprägter Sinn für Gottes spezielle Vorsehung ist. Auf keinen Fall können besondere Phänomene das Zeugnis des Heiligen Geistes von der Gotteskindschaft ersetzen. Darin bleibt Wesley einem reformatorischen Grundanliegen verpflichtet. Ungeachtet einiger Parallelen lässt sich Wesley Klaiber zufolge jedoch nicht für die heutigen pfingstlich-charismatischen Bewegungen vereinnahmen (was so ausgedrückt wohl für jede Richtung in der EmK gelten dürfte).
Ein eigenes Kapitel widmet der Vf. der im deutschsprachigen Methodismus weitestgehend in Vergessenheit geratenen Lehre von der christlichen Vollkommenheit bzw. Perfect Love (Kap. 6) als einem zweiten, von der Rechtfertigung zu unterscheidenden Gnadenwerk. Er arbeitet heraus, dass sich in Wesleys Theologie drei Motivlinien für die Interpretation dieses höheren Gnadenstandes finden lassen, die historisch nicht einander ablösen, sondern komplementär zu verstehen sind: Freiheit von der Sünde, vollendete Gottesgemeinschaft sowie Gottes- und Nächstenliebe (vgl. 191). Klaiber zeichnet die Entwicklung von Wesleys Lehrauffassung in ein chronologisches Schema ein und setzt sich in der Diskussion kritisch vor allem mit Wesleys — in der Tat schwieriger — Auffassung von der Sündenfreiheit auseinander. Dennoch sind ihm die positiven Aspekte hinreichend Grund für die These, dass die Lehre von der christlichen Vollkommenheit fundamental für Theologie und Leben des Methodismus sei. In Begründung dieser These bestimmt der Vf. die Vollkommenheit gut biblisch als »ungeteilte Hingabe« (215, 220f.), bindet sie in den theologischen Gesamtzusammenhang ein und grenzt sie gegenüber Missverständnissen ab. Das Kapitel ist gerade aufgrund seiner dezidierten Positionierung anregend zu lesen und fordert mit seinen Anfragen an das heutige methodistische Selbstverständnis zur eigenen Stellungnahme heraus.
Nach dieser wesleyanischen Profilierung der Soteriologie wird in Kapitel 7 das erneuernde Wirken des Geistes an trinitätstheologische, ekklesiologische und eschatologische Überlegungen zurückgebunden. Hier werden das Personsein des Geistes, die Filioque-Frage, das Verhältnis von Kirche und Bewegung, die ökumenische Gesinnung Wesleys und das Potential des Methodismus zur Gesellschaftstransformation besprochen. Dabei werden Wesleys Anliegen aufgenommen und mit neueren Autoren (v. a. M. Welker und J. Moltmann) ins Gespräch gebracht. Wenn auch nicht durchgängig in gleichbleibender Deutlichkeit ist doch die die gesamte Untersuchung leitende These im Blick, wonach »Wesleys Pneumatologie im engeren Sinne über sich hinausweist und als Zentrum seines theologischen Denkens alle Themenbereiche erfasst« (224).
Mit dieser Grundthese möchte Klaiber dazu einladen, in der Besinnung auf Wesley und der Auseinandersetzung mit seiner Theologie die Verkümmerung der Pneumatologie in der westkirchlichen Theologie zu überwinden und damit auch zu einer Erneuerung kirchlichen Lebens beizutragen. Dafür hat er sich in beeindruckender Weise in die Quellen eingearbeitet, viele wichtige Forschungsbeiträge zur Kenntnis genommen und sie — vornehmlich in Fußnoten, seltener im Haupttext — kritisch mit seinen eigenen Überlegungen abgeglichen. Das Buch ist ebenso kenntnisreich wie engagiert geschrieben, so dass die Lektüre immer wieder höchst anregend ist. Während die meisten Theologen Anstoß an Klaibers Plädoyer für eine erneuerte Wertschätzung der Vollkommenheitslehre Wesleys nehmen dürften, möchte ich auf einen anderen Punkt hinweisen, dessen Klärung wünschenswert gewesen wäre. Mehrfach deutet der Vf. im sechsten Kapitel (»Perfect Love«) Erlösung als »Einwohnung des [Heiligen] Geistes« im Glaubenden und bezeichnet die Einwohnung als »das Wesen der Gnade und den Kern des Heils« (226). Zu Beginn des Buches (vgl. die These S. 54!) schien es noch so, dass die Lehre vom inneren Zeugnis des Geistes dieses Wesentliche sei. Von daher drängt sich die Frage auf, wie sich Zeugnis und Einwohnung des Geistes zueinander verhalten.
Ungeachtet dieser offenen Frage ist dem Vf. für diese wichtige, seine eigene Kirche in vielem herausfordernde Untersuchung zur Theologie Wesleys zu danken. Der Geistvergessenheit in der westlichen theologischen Tradition wird hier mit begründeten Einsichten widersprochen. Dass englischsprachige Zitate ins Deutsche übersetzt sind, dürfte der Verbreitung des Buches zugutekommen. Das ausführliche Literaturverzeichnis und ein Register erhöhen den Gebrauchswert des Bandes. Zu wünschen ist, dass Klaibers Studie auch in der angelsächsischen Diskussion, auf die häufig Bezug genommen wird, Berücksichtigung findet, vor allem aber, dass die am Ende der einzelnen Kapitel sowie am Schluss des Buches formulierten Impulse und Anfragen an die heutige Verfasstheit methodistischen Glaubenslebens zu heilsamer Beunruhigung führen.
Christoph Raedel

Rezensierter Titel:

Umschlagbild: Von Gottes Geist verändert

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Von Gottes Geist verändert

Ursprung und Wirkung wesleyanischer Pneumatologie
Klaiber, Christoph/Wenner, Rosemarie

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