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Rezension

Zeitschrift für Evangelische Ethik, 59. Jg. 2015, Heft 1

Längst ist die Rolle des Internets und insbesondere des »social web« zum Dauerthema gesellschaftlicher Diskurse geworden. Dabei hat die Entstehung des Web 2.0 nicht nur Alltagskommunikationen verändert, sondern auch die individuelle Arbeit an der eigenen Identität, die Diskurse zu politischen wie ethischen Fragen selbst und schließlich auch die Kommunikationen, in denen entsteht, was Christinnen und Christen Kirche nennen — wie das auch die Einleitung dieses Bandes wahrnimmt (8). All das fordert eine zeitgenossenschaftliche Theologie heraus, differenzierte Wahrnehmungen, Deu¬tungen und Grundorientierungen von und für Web 2.0-Phänomene zu finden. Genau dieser Herausforderung stellen sich die Beiträge in dem von Christina Costanza und Christina Ernst herausgegebenen Sammelband »Personen im Web 2.0« in der Reihe »Edition Ethik«, der damit einen wichtigen Beitrag auch zu einer noch viel zu wenig debattierten evangelischen Medienethik leistet.
Der insgesamt wohl strukturierte Band sichert die Ergebnisse der Tagung »Personen im Web 2.0 — Theologische Perspektiven«, die im September 2011 in Göttingen veranstaltet wurde. Die Sammlung als Ganzes überzeugt durch die Praxisrelevanz vieler Beiträge, durch die Interdisziplinarität ihrer Zugän¬ge, durch die Ambivalenzsensibilität der Wahrnehmungen und durch den expliziten Theologiebezug vieler Orientierungen.
In der Einleitung projektieren die Herausgeberinnen eine »Theologie der Social Media«, die »wesentlich theologische Anthropologie und theologische Medienethik« sei (12). Einerseits ist diese Fokussierung wohl begründet — der Mensch sei Ort der »Wechselwirkung und Integration verschiedener Handlungsfelder« (12). Andererseits macht dies klar, wieso der Schwerpunkt hier nicht primär auf den politischen und wirtschaftsethischen Dimensionen des Themas liegt. Den Rahmen der gesammelten Beiträge bilden zwei theologische Aufsätze, die das Thema medienethisch und anthropologisch einordnen und reflektieren: Der erste Beitrag des katholischen Theologen Alexander Filipovi?, der mittlerweile die Stiftungsprofessor für Medienethik in München innehat, skizziert »die Rolle der (theologischen) Anthropologie für die Medienethik« (18). Dazu zeigt er zunächst am Beispiel von Jan Schmidts kommunikationssoziologischen Ansatz, wie die von Schmidt herausgearbeiteten Internetnutzungspraktiken — »Identitäts-, Beziehungs- und Informationsmanagemen [...]« (20.26) — selbst als »reinterpretierte Deutungen von Menschen in ihren Selbst- und Weltverhältnissen verstanden werden« (24) können und wie diese »empirischen Menschenbilder« (24) forschungs- und politikrelevant werden. Die Frage nach der »Vermittlung von Empirie und Ethik« (24) beantwortet Filipovic nun m.E. überzeugend und daran anschließend mit der Anthropologie (25): Sowohl philosophische und theologische wie auch sozialempirische Anthropologien könnten »zeitdiagnostisch« gelesen werden, als Indikator für das jeweils Problematische oder Selbstverständliche in der Frage nach dem Menschen (26). Damit ist die Ethikrelevanz auch der Medienanthropologie erwiesen, wel¬che Filipovic nun theologisch anreichern kann.
Diesen anthropologischen Ball nimmt der Schlussbeitrag des evangelischen Theologen Thomas Zeilinger insofern auf, als er nach Chancen und Gefahren für ein Ethos der Verbundenheit im Web 2.0 nicht nur kommunikationstheoretisch und ethisch, sondern auch anthropologisch fragt: Dabei betont Zeilinger von Charles Taylor herkommend, »dass die soziale Verbundenheit grundlegend für die menschliche Personkonstitution ist« (195). Dafür entstünden »im Social Web derzeit neue Formen« (196). Für die derartig anthropologisch relevante gemeinsame Praxis im Netz kann Zeilinger dann konkrete Maßstäbe benennen und so andeuten, wie die »Chancen der durch Medien ermöglichten Verbundenheit« (199) genutzt werden könnten.
In diesem theologischen Rahmen finden sich nun theologisch-medienethische Perspektiven (1), Perspektiven anderer Wissenschaften (2) und kirchentheoretische Perspektiven (3): Große Stärke der theologisch-medienethischen Beiträge von Christina Ernst zu »Selbstdarstellungspraktiken auf Facebook« und von Christina Costanza zu Personsein im Web 2.0 liegt darin, wie theologische Kerngedanken hier gewinnbringend und orientierend auf social-media-Fragen bezogen werden. So macht Christina Ernst Karl Barths Offenbarungstheologie für eine theologische Anthropologie fruchtbar, die die gerade im Social Web manifesten »anthropologischen Bedürfnisse [...] nach Sichtbarkeit für andere wie auch nach Entzogenheit vor der Beobachtung durch andere« (35) in ihrem Zusammenhang theologisch interpretierbar macht. Christina Costanza nutzt ebenfalls sehr überzeugend Wolfhart Pannenbergs Anthropologie zur Kritik an der Medienanthropologie Sherry Turkles: Dass »computervermittelte Kommunikation offensichtlich viel Raum für das Verbergen von Gefühlen« lasse, sei eben nicht wie bei Turkles ein Defizit, sondern auf dem Hintergrund von Pannenbergs negativem Personbegriff als Unzugänglichkeit interpretierbar, die Personalität ausmache (141).
Der Beitrag von Anne-Kathrin Lück zeigt, dass in sozialen Netzwerken »persönliche Daten (mit einer kleinen Einschränkung) immer Längst ist die Rolle des Internets und insbesondere des »social web« zum Dauerthema gesellschaftlicher Diskurse geworden. Dabei hat die Entstehung des Web 2.0 nicht nur Alltagskommunikationen verändert, sondern auch die individuelle Arbeit an der eigenen Identität, die Diskurse zu politischen wie ethischen Fragen selbst und schließlich auch die Kommunikationen, in denen entsteht, was Christinnen und Christen Kirche nennen — wie das auch die Einleitung dieses Bandes wahrnimmt (8). All das fordert eine zeitgenossenschaftliche Theologie heraus, differenzierte Wahrnehmungen, Deutungen und Grundorientierungen von und für Web 2.0-Phänomene zu finden. Genau dieser Herausforderung stellen sich die Beiträge in dem von Christina Costanza und Christina Ernst herausgegebenen Sammelband »Personen im Web 2.0« in der Reihe »Edition Ethik«, der damit einen wichtigen Beitrag auch zu einer noch viel zu wenig debattierten evangelischen Medienethik leistet.
Der insgesamt wohl strukturierte Band sichert die Ergebnisse der Tagung »Personen im Web 2.0 — Theologische Perspektiven«, die im September 2011 in Göttingen veranstaltet wurde. Die Sammlung als Ganzes überzeugt durch die Praxisrelevanz vieler Beiträge, durch die Interdisziplinarität ihrer Zugän¬ge, durch die Ambivalenzsensibilität der Wahrnehmungen und durch den expliziten Theologiebezug vieler Orientierungen.
In der Einleitung projektieren die Herausgeberinnen eine »Theologie der Social Media«, die »wesentlich theologische Anthropologie und theologische Medienethik« sei (12). Einerseits ist diese Fokussierung wohl begründet — der Mensch sei Ort der »Wechselwirkung und Integration verschiedener Handlungsfelder« (12). Andererseits macht dies klar, wieso der Schwerpunkt hier nicht primär auf den politischen und wirtschaftsethischen Dimensionen des Themas liegt. Den Rahmen der gesammelten Beiträge bilden zwei theologische Aufsätze, die das Thema medienethisch und anthropologisch einordnen und reflektieren: Der erste Beitrag des katholischen Theologen Alexander Filipovi?, der mittlerweile die Stiftungsprofessor für Medienethik in München innehat, skizziert »die Rolle der (theologischen) Anthropologie für die Medienethik« (18). Dazu zeigt er zunächst am Beispiel von Jan Schmidts kommunikationssoziologischen Ansatz, wie die von Schmidt herausgearbeiteten Internetnutzungspraktiken — »Identitäts-, Beziehungs- und Informationsmanagemen [...]« (20.26) — selbst als »reinterpretierte Deutungen von Menschen in ihren Selbst- und Weltverhältnissen verstanden werden« (24) können und wie diese »empirischen Menschenbilder« (24) forschungs- und politikrelevant werden. Die Frage nach der »Vermittlung von Empirie und Ethik« (24) beantwortet Filipovic nun m.E. überzeugend und daran anschließend mit der Anthropologie (25): Sowohl philosophische und theologische wie auch sozialempirische Anthropologien könnten »zeitdiagnostisch« gelesen werden, als Indikator für das jeweils Problematische oder Selbstverständliche in der Frage nach dem Menschen (26). Damit ist die Ethikrelevanz auch der Medienanthropologie erwiesen, wel¬che Filipovic nun theologisch anreichern kann.
Diesen anthropologischen Ball nimmt der Schlussbeitrag des evangelischen Theologen Thomas Zeilinger insofern auf, als er nach Chancen und Gefahren für ein Ethos der Verbundenheit im Web 2.0 nicht nur kommunikationstheoretisch und ethisch, sondern auch anthropologisch fragt: Dabei betont Zeilinger von Charles Taylor herkommend, »dass die soziale Verbundenheit grundlegend für die menschliche Personkonstitution ist« (195). Dafür entstünden »im Social Web derzeit neue Formen« (196). Für die derartig anthropologisch relevante gemeinsame Praxis im Netz kann Zeilinger dann konkrete Maßstäbe benennen und so andeuten, wie die »Chancen der durch Medien ermöglichten Verbundenheit« (199) genutzt werden könnten.
In diesem theologischen Rahmen finden sich nun theologisch-medienethische Perspektiven (1), Perspektiven anderer Wissenschaften (2) und kirchentheoretische Perspektiven (3): Große Stärke der theologisch-medienethischen Beiträge von Christina Ernst zu »Selbstdarstellungspraktiken auf Facebook« und von Christina Costanza zu Personsein im Web 2.0 liegt darin, wie theologische Kerngedanken hier gewinnbringend und orientierend auf social-media-Fragen bezogen werden. So macht Christina Ernst Karl Barths Offenbarungstheologie für eine theologische Anthropologie fruchtbar, die die gerade im Social Web manifesten »anthropologischen Bedürfnisse [...] nach Sichtbarkeit für andere wie auch nach Entzogenheit vor der Beobachtung durch andere« (35) in ihrem Zusammenhang theologisch interpretierbar macht. Christina Costanza nutzt ebenfalls sehr überzeugend Wolfhart Pannenbergs Anthropologie zur Kritik an der Medienanthropologie Sherry Turkles: Dass »computervermittelte Kommunikation offensichtlich viel Raum für das Verbergen von Gefühlen« lasse, sei eben nicht wie bei Turkles ein Defizit, sondern auf dem Hintergrund von Pannenbergs negativem Personbegriff als Unzugänglichkeit interpretierbar, die Personalität ausmache (141).
Der Beitrag von Anne-Kathrin Lück zeigt, dass in sozialen Netzwerken »persönliche Daten (mit einer kleinen Einschränkung) immer ›etwas‹ über jemanden als Person aussagen« (94).
(1) Die linguistischen, kommunikationstheoretischen und juristischen Beiträge im Band liefern für eine theologische Medienethik anschlussfähige und wichtige Einsichten: Konstanze Marx hat in linguistischer Perspektive »Ansprechbarkeitsindikatoren« und »Kontaktaufnahmestrategien« im sozialen Netz analysiert und damit gezeigt, »wie kommunikative Verhaltensformen in romantischen Kontexten aus On- und Offline-Welt zusammenwirken« (48). Vera Dreyer dekliniert die Relevanz von Marshall McLuhans Medientheorie für Fragen nach Selbstdarstellungen im Web 2.0 durch. Besonders interessant ist ihre Zusammenschau vom Siegeszug des Internets und der Tätowierungsmode: So scheint es, »dass der Flüchtigkeit der Kommunikation im Web 2.0 die Irreversibilität der Körpereinträge gegenübersteht.« (123) Der Jurist Christoph Gieseler erörtert rechtswissenschaftlich Probleme rund um den Datenschutz und das Recht auf informationelle Selbstbestimmung im Internet. Dabei benennt er auch, wann »eine Archivierung [von Daten] im Hinblick auf das Persönlichkeitsrecht des Betroffenen so problematisch [ist], dass sie trotz Informationsfreiheit unzulässig ist« (92); entscheidend sei der »Verwendungszusammenhang der Daten« (93). Der evangelische Theologe Karsten Kopjar und die katholische Social Media Managerin Andrea Mayer-Edoloeyi bedenken gegen Ende des Bandes die Bedeutung des Web 2.0 für die Kirchen: Kopjar zeigt unter anderem, wie die Formen der Social Media dem Gemeindekonzept Ernst Langes und seinem dialogischem Verständnis von Verkündigung als »Kommunikation des Evangeliums« entsprechen können (159ff.). Mayer-Edoloeyi fragt danach, wie die Kirche stärker mit Digital Natives und mit dem postmodernen Milieu in Kommunikation treten könne. Weiterführend ist dabei m.E. ihr Ansatzpunkt beim »allgemeine[n] Priestertum aller Getauften und Gefirmten« und ihre Betonung von »wechselseitige[n] Lernprozess[en] von Digital Natives und Kirche« (178). Für die Kommunikation könnten die Charismen der Christinnen und Christen ausschlaggebend werden, die bereits (als Natives) im Netz kommunizieren (178).
Insgesamt sind die Beiträge des Bandes überwiegend sehr gut lesbar, klar und verständlich. In der Zusammenschau der Perspektiven wird deutlich, was die Einleitung in den Band schön formuliert: Die alten Dichotomien von privat und öffentlich, online und offline, virtuell und real, Produzent und Konsument erfassen die Spezifika des »Hybridmedium[s] Internet« unzureichend (11f.). In den Aufsätzen des Bandes werden differenzierte Begrifflichkeiten erarbeitet. Auch deshalb ist der Sammelband für die an (theologischer) Medienethik Interessierten genauso lesenswert wie für Pädagogen und Pfarrerinnen , die die Lebenswelt ihrer Web 2.0-geprägten Schülerinnen und Schüler besser verstehen wollen.
Florian Höhne

Rezensierter Titel:

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Personen im Web 2.0

Kommunikationswissenschaftliche, ethische und anthropologische Zugänge zu einer Theologie der Social Media
Costanza, Christina/Ernst, Christina/Dahling-Sander, Christoph /Dreyer, Vera/Filipović, Alexander/Gieseler, Christoph /Kopjar, Karsten/Lück, Anne-Kathrin/Marx, Konstanze /Mayer-Edoloeyi, Andrea /Zeilinger, Thomas

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