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Rezension

EmK Geschichte 34 (2013), Heft 2

Der Anlass für diesen Sammelband, so schreibt Michael Nausner in seiner Einleitung, war die zwölfte Zusammenkunft des Oxford Instituts im Jahr 2007. Seit 1958 kommen methodistische Theologinnen und Theologen in Oxford zusammen, um zentrale Fragen der Überlieferung und Lehre zu diskutieren. Bereits 1962, bei der zweiten Tagung des Oxford Instituts, stand die Ekklesiologie im Zentrum. Prägend war damals Albert C. Outlers Vortrag zum Thema »Do Methodists Have a Doctrine of the Church?« Seine Antworte lautete: Nein, weil »die frühen Methodisten keine Kirche waren und keine Absichten hatten, eine zu werden«. (S. 10) Die zwölfte Tagung des Oxford Instituts nahm die Frage nach der Ekklesiologie wieder auf. Ein Liedtitel von Charles Wesley »To Serve the Present Age, Our Calling to Fulfill« und der schlichte Untertitel »Ekklesiologie, Mission, Berufung« überschrieb das Treffen.
Eine erste, vorläufige Antwort auf die Frage nach der methodistischen Ekklesiologie lässt bereits der Titel des Sammelbandes erahnen. Verhalten spricht der Herausgeber vom »Kirchlichen Leben in methodistischer Tradition«. Er redet von »Perspektiven«, von bestimmten Sichtweisen und von einer Diskussion um die »methodistisch-ekklesiologische Identität«. (S. 10) In der Fortführung seiner Einleitung redet Michael Nausner dann zwar unbefangener von einer »methodistischen Ekklesiologie« (S. 12 u.(5.), deutlich wird aber, nicht zuletzt durch die in diesem Buch versammelten Beiträge, dass höchstens in einem ganz spezifischen Sinne (darauf werde ich noch zu sprechen kommen) davon mit Recht die Rede sein kann.
Unter vier übergreifende Überschriften hat Michael Nausner die Beiträge des Buches versammelt, wobei er einräumt, dass dies natürlich auch anders geordnet hätte werden können (S. 12).
1. Übergreifendes zu Evangelisch-methodistischen Ekklesiologie in den Vereinigten Staaten und in Mitteleuropa
Hier finden sich zwei Beiträge. Russel E. Richey schreibt über »Die praktizierte Ekklesiologie des Methodismus«. Die Grundthese steckt schon im Titel. Der Methodismus lebt Kirche. Das macht er an den prägenden Büchern deutlich: die Bibel, das Gesangbuch, die Agende und die Kirchenordnung. Sie zusammen definieren die Evangelisch-methodistische Kirche (S. 54). Richey setzt sie in Beziehung zum Quadrilateral (Schrift, Tradition, Erfahrung und Vernunft), was eine reizvoll zu lesende Überlegung ist. Das Besondere, die »ekklesiologische Sensibilität« sieht Richey darin, die vier prägenden Bücher und ihre besonderen Akzente (etwa Weite und missionarische Ausrichtung) im Gespräch und in der Spannung zu halten.
Michel Weyer schreibt als zweiten Beitrag unter dieser Überschrift über »Methodistische Ekklesiologie im ökumenischen Horizont«. Auch hier gibt der Titel das besondere Anliegen an. Kernthese des Beitrags ist, dass es dem Methodismus nicht darum gehe, eine besondere Kirche zu sein (oder gar die richtige), sondern um die Mission und um die »dringende missionarische Aufgabe« (S. 57).
2. Ekklesiologie und die Gnadenmittel
Richard P. Heitzenrater stellt unter der Überschrift »Wesleyanische Ekklesiologie. Der Methodismus als Gnadenmittel« seine Grundthese ausführlich vor: »Der Methodismus war ein Mittel, die Kirche zu reformieren und zu erneuern, und kann es heute sein, nicht nur durch das, was wir beschließen und tun, sondern noch mehr dadurch, dass wir Kanäle für Gottes Gnade werden und auf Gottes Gegenwart und Kraft unter uns und in der Welt antworten [...] Der Methodismus kann [...] als Bewegung betrachtet werden, die bestand und besteht, um ein kollektives Gnadenmittel für ihre Gliede rund für die Welt zu sein.« (S. 88).
Gwen Purushotham reflektivert über „Aufsicht als Gnadenmittel". Sie will damit den Gedanken des Bundes inhaltlich füllen, damit nicht nur der Dienst effektiver wird (S. 110), sondern auch das »gegenseitige Achten aufeinander in der Liebe« mit Leben gefüllt ist. Richtig verstandene Aufsicht ist für sie ein Gnadenmittel. Manfred Marquardt schreibt über die »Gnadenmittel — Kraftquellen für ein Leben mit Gott«. In enger Auseinandersetzung mit Wesley selbst kommt er zu dem Schluss, dass die Gemeinde ein Gnadenmittel sei (S. 122ff.). »Die Gemeinde Christi ist als Geschöpf der Liebe Gottes ein Fremdkörper in der Gesellschaft [...] Aber diese Fremdheit ist kein Zweck an sich [...] Ihre Fremdheit zeigt sich durch ihr Dasein und Handeln, das dem Liebeswillen Gottes entspricht.« (S. 125).
3. Christliche Vollkommenheit, Gastfreundschaft und Methode als Schlüsselbegriffe methodistischer Ekklesiologie
Der dritte Teil des Sammelbandes führt sehr unterschiedliche Themen und Beiträge zusammen (wie dann auch der vierte). Marjorie Hewitt Suchocki schreibt aus prozesstheologischer Sicht über »Christliche Vollkommenheit«. Ausgehend von Wesleys Schrift »A Plain Account of Christian Perfection« verbindet sie diese Zielbestimmung der Nachfolge und des christlichen Lebens mit den traditionellen Kennzeichen der Kirche, nämlich »heilig, katholisch und apostolisch«.
Hendrik R. Pieterse reflektiert über »Die Gastfreundschaft Gottes leben«. Gegen die kirchliche Selbstbeschäftigung stellt er die These, dass »der Methodismus nicht um seiner selbst willen existiert, sondern als ein Moment der Selbstentäußerung im Geheimnis von Gottes Weg mit der Kirche in der Welt«. (S. 151).
Einen vergleichbaren Gedanken nimmt Angela Shier-Jones in ihrem Beitrag »Methodisch sein. Theologie in kirchlichen Strukturen« auf. Ihr Zielpunkt ist allerdings ein neues Wertschätzen der Banden als derjenigen Einrichtung, die nicht nur den Methodismus ausmachte, sondern Menschen in ihrer Verantwortung ernst nimmt und sie auf einem freiwilligen Weg der Heiligung anleitet.
4. Kontextuelle methodistische Ekklesiologie
Im vierten und letzten Teil des Buches finden sich Beiträge unterschiedlicher Art, geschrieben aus der Perspektive verschiedener Länder und abgeschlossen mit einem Beitrag des Herausgebers. Ivan Abrahams schreibt aus südafrikanischer Perspektive: »Der heutigen Zeit dienen, um unsere Berufung zu erfüllen. Eine andere Kirche für eine andere Welt«. Jimmy G. Dube berichtet über den »Methodismus und sozialpolitisches Engagement in Simbabwe zwischen 2000 und 2007«. Zwei Beiträge stammen aus Brasilien. Helmut Renders betitelt seinen Artikel mit »Ekklesiologische Herzschläge. Das Ringen der methodistischen Kirche in Brasilien um ihre Sendung und Bedeutung.« Joao Carlos de Souza nennt seinen Beitrag »Eine inklusive, missionarische Kirche auf dem Weg. Wiederentdeckung verlorener Verbindungen wesleyanischer Tradition«. In allen Beiträgen spielt der jeweilige kulturelle und politische Hintergrund eine Rolle. Es fällt auf, dass immer ein eigenständiger Weg und ein selbständiges Suchen nach Zukunft für die jeweilige methodistische Kirche im Vordergrund stehen. Aus der Tradition und den Grundsätzen der methodistischen Bewegung ergibt sich eben nicht der einzig richtige Weg als Kirche in der Gegenwart.
Michael Nausners Beitrag »Kulturelle Grunderfahrung und die methodistische Konnexio« schließt den Band ab. Zwei Begriffe methodistischer Ekklesiologie, Erfahrung und Konnexio, verbindet er mit dem Begriff Grenze. Und schließt daraus: »Als Offenheit ermöglichende Grenzen [...] lassen sich auch die Grenzen der methodistischen Konnexio verstehen, als Kontakt(z)zonen, in welche Gottes erlösendes Wirken in der Welt konkret erfahrbar wird. In diesen Grenzräumen kirchlichen Lebens wird Gottes Geist wie beim ersten Pfingsterlebnis als Ursprung eines schöpferischen Pluralismus erlebbar.« (S. 295).
Insgesamt legt Michael Nausner ein interessant zu lesendes und sehr anregendes Buch vor. Ihm ist sehr zu danken, dass eine Reihe von Referaten des 12. Oxford Instituts auf Deutsch vorliegen. Ein großer Dank gilt auch den unterschiedlichen Übersetzern.
Inhaltlich, so mein eigenes Resümee, zeigt sich, dass es die methodistische Ekklesiologie nicht gibt und nicht geben kann. Es sind verschiedene Ansatzpunkte möglich, um aus Wesleys Bewegung eine Kirche zu konzipieren. Weit wichtiger aber scheint mir, dass der Methodismus nicht die Ekklesiologie als Hauptanliegen hatte, sich deshalb öfters mit Identitätsfragen herumschlägt, aber auch die große Chance hat, eine dynamische, für Gottes Wirken offene, entwicklungsfähige Kirche zu sein. Mein eigenes Nachdenken über die eigene Kirche hat jedenfalls dieses Buch sehr angeregt.
Ulrich Ziegler

Rezensierter Titel:

Umschlagbild: Kirchliches Leben in methodistischer Tradition

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Kirchliches Leben in methodistischer Tradition

Perspektiven aus drei Kontinenten
Nausner, Michael/Abrahams, Ivan/Dube, Jimmy G./Heitzenrater, Richard P./Marquardt, Manfred/Pieterse, Hendrik R./Purushotham, Gwen/Renders, Helmut/Richey, Russel E./Shier-Jones, Angela/Souza, Carlos de/Suchocki, Marjorie/Weyer, Michel/Wenner, Rosemarie

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