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Rezension

Ökumenische Rundschau (62. Jahrgang 2013), Heft 4

Die katholische Kirche hat sich in ihren ökumenischen Bemühungen auf bilaterale Dialoge konzentriert. Dies hat Vor- und Nachteile. Einerseits können sie leichter kirchliche Anerkennung finden und praktische Konsequenzen zeitigen als multilaterale Gespräche. Andererseits haben so die Aktivitäten des ÖRK in der katholischen Kirche weniger Gewicht gefunden. Zudem besteht die Gefahr, dass die kleineren, eventuell regional begrenzten Kirchen und kirchlichen Gemeinschaften nicht angemessen beachtet werden. Faktisch sind in der ökumenischen Diskussion vor allem die Dialogpapiere mit den (bei uns) großen Kirchen präsent: Die Dialoge mit den Orthodoxen Kirchen, die ARCIC-Papiere mit der Anglikanischen Kirchengemeinschaft, die Dialoge mit den Lutheranern und hier vor allem die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigung (GER). Andere Dialoge sind zwar sorgfältig dokumentiert, werden aber in der Öffentlichkeit und auch in der theologischen Arbeit wesentlich weniger beachtet. Schon darum ist es zu begrüßen, dass im vorliegenden Band die Gespräche der methodistischen Kirche mit der römisch-katholischen Kirche auf Weltebene vorgestellt, gewürdigt und in einem wichtigen Zwischenergebnis dokumentiert werden. Diese Gespräche sind in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Die methodistischen Kirchen gehören auf europäischer Ebene der GEKE an, also jenen evangelischen Kirchen, die auf der Basis der »Leuenberger Konkordie« volle gegenseitige Kirchengemeinschaft erklärt und aufgenommen haben. Insofern sind in den Dialogen mit den Methodisten auch die anderen evangelischen Kirchen mit im Boot.
Zudem hat der Weltrat Methodistischer Kirchen (WMC) den Beitritt zur GER erklärt. Dies ist insofern bedeutsam, als der Methodismus der Heiligung und darin dem aktiven Engagement seiner Mitglieder und seiner Gemeinden und dem Einsatz in sozialen Belangen großes Gewicht beimisst und insofern dem katholischen Ansatz näher steht als das klassische Luthertum. Im vorliegenden Band wird in den Beiträgen von Manfred Marquardt und Burkhard Neumann die ökumenische Bedeutung dieser Entscheidung des WMC umrissen. In den Fragen der Kirchenstrukturen und des Amtes ist der Methodismus offen, weil er sich selbst weithin pragmatisch organisiert hat und katholische Vorstellungen akzeptieren kann, wenn sie sich als für die Verkündigung der Botschaft und die Heiligung der Gläubigen als hilfreich erweisen. Als für das Kirchesein verbindlich werden derartige Strukturen dagegen nicht erachtet.
Eine Besonderheit stellt die Tatsache dar, dass der Methodismus nicht aus einem Konflikt mit der katholischen Tradition, sondern als Reformbewegung aus dem Anglikanismus hervorgegangen ist. Folglich wurde er nie von Rom verworfen, es gibt keine Anathemata oder Lehrverwerfungen, die überwunden oder als nicht (mehr) treffend oder als nicht kirchentrennend erwiesen werden müssten. Darum konnten beide Seiten weithin unbelastet ihre Gemeinsamkeiten entdecken und Fortschritte auf dem Weg zur Einheit formulieren.
Die Dialoge zwischen beiden Kirchen haben inzwischen eine mehr als 40-jährige Geschichte. Diese wird im vorliegenden Band vor allen in den Beiträgen von Christoph Raedel aus methodistischer und Johannes Oeldemann aus katholischer Perspektive beleuchtet. Geoffrey Wainwright gibt eine Einführung in die Hermeneutik dieser Gespräche, während Thomas Gerold Überlegungen für das konkrete Zusammenleben anstellt und Anregungen für praktische Schritte formuliert.
Diese Beiträge zielen auf die Erklärung der Dialogkommission von Seoul (2006) unter dem Titel »Die Gnade, die euch in Christus gegeben ist«. Dieses Dokument wird hier erstmalig in deutscher Sprache veröffentlicht (154–242), es versteht sich als Ertrag der sehr präzise strukturierten Dialogbemühung.
Die Gesprächsrunden erstreckten sich jeweils auf fünf Jahre und wurden mit zusammenfassenden Berichten abgeschlossen (Denver 1971, Dublin 1976, Honolulu 1981, Nairobi 1986, Singapur 1991, Rio de Janeiro 1996, Brighton 2001, Seoul 2006).
Die ersten dieser Berichte zeigten die Bemühung, sich gegenseitig kennen zu lernen, insbesondere zu verstehen, dass der Methodismus mehr durch konkrete Lebensvollzüge und seine Frömmigkeitspraxis bestimmt ist, als durch theoretische Konzeptionen und dass persönliche Erfahrungen eine Prävalenz haben gegenüber dogmatisch verbindlichen Lehren. Das Gebet, das Kirchenlied sind wichtige Quellen der Botschaft und der missionarischen Verkündigung. Das bedingte eine große Vielfalt in der Gestalt und in den Strukturen methodistischer Gemeinden.
In einer zweiten Phase der Gespräche kamen mehr und mehr die klassischen Themen ökumenischer Theologie auf die Tagesordnung: die Frage nach der Kirche und ihren Strukturen, Amt, Ordination, Bischofsamt und Sukzession, Schrift und Tradition, die Stellung der Laien, die Theologie der Sakramente, Eucharistie und Eucharistiegemeinschaft, Realpräsenz, Modelle kirchlicher Einheit und Gemeinschaft, Petrusamt. Dabei bemühte man sich, nicht allein die offensichtlichen Kontroversen zu umschreiben, sondern das dahinter stehende Anliegen und den Sinn der jeweiligen Position zu verdeutlichen.
Diese Offenheit führte zu einer dritten Phase, die mit der Erklärung von Seoul (2006) eröffnet ist. Hier bemüht man sich, die gewonnenen Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen. Die Differenzen zwischen den beiden Traditionen werden nicht bestritten, aber sie werden als unterschiedliche Gaben des Heiligen Geistes an die Kirchen verstanden. Was bisher die Trennung legitimierte, soll, wie aus der Enzyklika Ut unum sint von Papst Johannes Paul II. zitiert wird, zu einem »wechselseitigen, fruchtbaren ›Austausch von Gaben‹ zwischen uns« werden. (Nr. 14). Darin wird die Erklärung recht konkret. Die Methodisten können nach Aussagen dieses Dokuments die römisch-katholische Kirche »als eine wahre Kirche anerkennen« (Nr. 107), deren ordinierte Amtsträger »als Bevollmächtigte Gottes« sehen, die »einen authentischen Dienst an Wort und Sakrament ausüben« (108), sie können Taufe und Eucharistie als Gnadenmittel verstehen, in denen Gott gegenwärtig und wirksam ist (109). Sie können die Kirche auch als universale Größe sehen, in der episkop6 und ein universaler Petrusdienst als Zentrum der Einheit ihren Platz haben können. Die Methodisten ihrerseits bringen als Gaben ein die Bedeutung von Laien, die Anteil haben an der Leitung der Gemeinden, die Ordination von Frauen und Männern für alle Aufgaben in der Kirche, die Vorläufigkeit und Veränderlichkeit von Kirchenordnungen, die Bedeutung der persönlichen Erfahrung, die Offenheit für die Gegenwart des Heiligen Geistes in unterschiedlichen kirchlichen Formen, die Bedeutung des Wortes, der Andacht, der Liturgie neben dem Sakrament, der Kirchenlieder als Quellen praktischer Theologie, die Verwirklichung kirchlicher Existenz in kleinen Gruppen und Hauskreisen.
Aus katholischer Perspektive wird im Dokument von Seoul festgehalten, dass die methodistischen Kirchen als Mittel des Heils gewürdigt werden, Katholiken könnten die Bedeutung von Kleingruppen und ihre soziale Verpflichtung ernst nehmen, sich verstärkt der ökumenischen Verpflichtung öffnen, in Liturgie, Schriftlesung, Kirchenlied eine reale Gegenwart des Geistes Gottes erkennen. Katholiken ihrerseits haben, so wird betont, eine ausgearbeitete Ekklesiologie und ein Verständnis von Bischofsamt, Ordination und Petrusdienst zu bieten, die die methodistische Theologie bereichern könnten. Ein rechtes Verständnis der Sakramente, einschließlich von Realpräsenz und Opfercharakter der Eucharistiefeier könnten die methodistische Frömmigkeit erweitern. In mehreren Anläufen werden die in diesem Austausch wirksamen Gaben und Möglichkeiten in konkrete Anregungen für die Praxis übersetzt (Nr. 148–152 und öfter).
Der methodistisch/römisch-katholische Dialog, wie er hier dargestellt wird, nimmt in der Kontinuität und Zielgerichtetheit seiner Arbeit, in den Fortschritten im gegenseitigen Verstehen und in der Konkretheit seiner praktischen Vorschläge eine Sonderstellung unter den bilateralen Dialogen ein. Gerade das Dokument von Seoul könnte sich auch für andere Dialoge als fruchtbar erweisen. Die im vorliegenden Band diesem Text vorausgeschickten Studien sind bestens geeignet, diesen Ertrag eines mehr als 50-jährigen intensiven Dialogprozesses recht zu lesen und in seiner Dynamik zu würdigen.
Peter Neuner

Rezensierter Titel:

Umschlagbild: Als Beschenkte miteinander unterwegs

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Als Beschenkte miteinander unterwegs

Methodistisch-katholische Beziehungen auf Weltebene
Raedel, Christoph/Gerold, Thomas/Klaiber, Walter/Marquardt, Manfred/Neumann, Burkhard/Oeldemann, Johannes/Thönissen, Wolfgang/Wainwright, Geoffrey

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