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Rezension

Zeitschrift für Evangelische Ethik, 57. Jg. 2013, Heft 4

Im Zuge der Finanzkrise 2007/2008 und der daraus resultierenden ökonomischen Aufarbeitung ist eine Fülle von wirtschaftsethischer Literatur entstanden, die in ihrer Fülle kaum mehr zu überblicken ist. Kurzfristige Renditeziele, fehlende Orientierung an Nachhaltigkeitszielen und vor allem strukturelle Fehler werden neben einer alles Leben durchziehenden »Gier« zumeist als Ursachen für die größte wirtschaftliche Misere nach der Weltwirtschaftskrise in den 1920er Jahren ausgemacht. So überwiegen wirtschaftsethische und ökonomische Untersuchungen, die einer Anpassung der nationalen und internationalen Rahmenordnungen das Wort reden. Die vorliegende Dissertation von Christopher G. Weiße [sic], die vom Institut für Sozialethik der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg (Bernd Oberdorfer) betreut wurde, hebt sich davon wohltuend ab. Mit seinem umfassenden Werk (Umfang: 590 Seiten!) konzentriert er sich wieder auf die bedeutsame Rolle der Unternehmensethik und hier insbesondere auf das unternehmensethische Instrument CSR (»Corporate Social Responsibility«) sowie auf dessen Bedeutung für eine Transformation der Wirtschaftsgesellschaft. Um es vorwegzunehmen: Weißes These lautet, dass ein auf ethischen Kriterien basierendes CSR-Konzept eine wirkungsvolle Brückenfunktion zwischen einer Unternehmensethik und der instrumentellen Rationalität der Ökonomie einnehmen könne (370 u. ö.): »So könnte eine hemmungslose Globalisierung und die vollständige Ökonomisierung aller Lebensbereiche verhindert und statt dessen eine nachhaltige Ethisierung der Ökonomie eingeleitet werden« (370). Seine Untersuchung ist zweigeteilt: Im ersten großen Abschnitt wendet der Autor sich der Theoriediskussion zu (20–370), während der sehr viel interessantere und innovative zweite Abschnitt (371–523) sich einem konkreten CSR-Konzept eines deutschen Unternehmens zuwendet. Die Erkenntnisse und Einsichten des ersten Abschnittes sind nicht neu; sie enthalten weitgehend sorgfältig zusammengestellte Werturteile und Schlussfolgerungen, die auch in einer Fülle wirtschaftsethischer Untersuchungen zu Tage getreten sind. Dazu gehört u. a. im ersten Unterabschnitt »Wirtschaften und Ethik in der Geschichte der christlichen Religion« das Ergebnis in historischer Perspektive, dass die christliche Theologie und Glaubenspraxis fest mit ökonomischen Verhaltensweisen in Zusammenhang steht. Dabei sei es das Alleinstellungs-merkmal theologischer Wirtschaftsethik, dass sie den Gruppen Gehör verschaffe, die nicht über eine Lobby verfüge (175) — eine Erkenntnis, die in dieser Zuspitzung später gar nicht mehr aufgegriffen wird. Eher von tragender Bedeutung ist die Ge-genüberstellung der wirtschaftsethischen Ansätze von K. Homann auf der einen sowie von P. Ulrich auf der anderen Seite. Während der Autor dem Konzept Homanns (218ff) deswegen nur geringe Sympathie zukommen lässt, weil K. Homann die Ethik lediglich der Rahmenordnung zuweise und damit Ethik in Ökonomie aufgehen lasse (232), wird das Konzept der wirtschaftsethischen Schule aus St. Gallen, »integrative Wirtschaftsethik«, beim Vf. sehr viel positiver bewertet (233ff). P. Ulrich begründe die Vorstellung von einer »lebensdienlichen Ökonomie« (260), lasse jedoch offen, wie solch ein Konzept in der alltäglichen Praxis zu implementieren sei (259). Genau an dieser Stelle führt der Autor weiter: In einer globalisierten Welt, in der nationalstaatliche und internationale Regelungszusammenhänge an Bedeutung verlören, müssten die Unternehmen selbst wieder für ein ausreichendes Vertrauen sorgen und die Stakeholder der wirtschaftlichen Tätigkeit integrieren. Die Finanzkrise 2007/2008 sei, so stellt der Vf. allerdings wenig überzeugend dar, im Wesentlichen eine globale »Vertrauenskrise« (189ff) und weniger eine Krise der Wirtschaftswissenschaften gewesen. Deswegen, so argumentiert er, sei für die »Entwicklung der Ökonomie« die »Entwicklung, Etablierung und konkrete Anwendung einer zeitgemäßen Wirtschafts- und Unternehmensethik, aber auch die Diskussion ihrer ethischen Begründung unabdingbar« (267). Eine Vielzahl von Unternehmen sei dazu bereit, was die breite Diskussion um Corporate Governance, Corporate Citizenship und CSR zeige (316ff). Dieser Beobachtung ist ausdrücklich zuzustimmen: Sowohl von Seiten der ökonomischen Wissenschaft, der betriebswirtschaftlichen Praxis und der Interessenlagen von NGOs wird die Notwendigkeit einer Transformation der Wirtschaftsgesellschaft in aller Deutlichkeit gesehen und zunehmend auch verfolgt. Nicht diesen Erkenntnissen des Vf.s ist besondere Beachtung zu schenken, sondern vor allem seinem Versuch, die Wirkungsweise von CSR an Hand eines konkreten Beispiels nachzuweisen (371ff). Dabei geht er so vor, dass er ein deutsches Unternehmen aus der Maschinenbauindustrie (Kronen AG, Hersteller von Abfüllsystemen) hinsichtlich des dort gepflegten CSR-Konzepts untersucht. In einer zweigliedrigen Untersuchungsreihe mittels Interviews werden zunächst »Experten« aus allen Bereichen des Unternehmens nach der Auswirkung von CSR befragt (379ff) und anschließend in einer umfassenden quantitativen Analyse durch einen Fragebogen etwa 200 Mitarbeitende des Unternehmens interviewt. Teilweise ist die Lektüre dieser Untersuchung in diesem zweiten Abschnitt der Dissertation etwas langatmig, ausufernd, an statistischen Erhebungen interessiert und ethisch wenig ergiebig. Insgesamt jedoch ist das zusammenfassende Ergebnis bedeutsam und interessant: Ein gelebtes CSR-Konzept — und um ein solches handelt es sich hier offensichtlich — ist dazu in der Lage, ethische Leitbilder im ökonomischen Vollzug zu etablieren. Im gleichen Maße steigt unter den Mitarbeitenden das Bedürfnis, dass das Unternehmen »noch mehr tue«. Weiter heißt es: »Durch die Kommunikation unternehmensethischer Maßnahmen und die Umsetzung in eine konkrete Strategie wird ein Bewusstsein für die Bedeutung von CSR etabliert. Zugleich werden dadurch unter den Stakeholdern ethische Ansprüche geweckt und begründbar gemacht. Das Unternehmen sensibilisiert sich durch die Entwicklung und Umsetzung des Managementkonzepts der CSR gewissermaßen selbst für die Relevanz der unternehmensethischen Fundierung seiner Handlungen, während bei den Stakeholdern als Adressaten durch das Kommunikationskonzept der CSR ein Bewusstsein für die Wichtigkeit einer auf unternehmensethischen Kriterien fußenden Handlungsweise geweckt wird« (527). Diese mittels CSR sich gegenseitig verstärkende »Anspruchsspirale« fungiere letztlich wie ein »Steigbügelhalter« für eine sich in der globalisierten Gesellschaft etablierende ethische Ökonomie. Dieses Gesamtergebnis der Dissertation ist — insgesamt gesehen — beachtlich. Jedoch sind auch die Grenzen dieser Untersuchung nicht zu übersehen: Der Promovent hat sich erstens mit einem etablierten deutschen Unternehmen beschäftigt, das auch lediglich im Inland Fertigungswerkstätten unterhält. Zudem wurde zweitens für die Untersuchung ein Unternehmen ausgesucht, das nach vergleichbaren Untersuchungen zu einem besonders vorbildlichen Wirtschaftsgebilde gehört. So ist es drittens nicht zufällig so, dass der Bezug des CSR-Konzepts zu globalen Sozial- und Umweltstandards ausfällt. Dieses Ergebnis wiederum ist bedauerlich, da gerade von global aufgestellten Unternehmen und der Durchsetzung von international gültigen Standards in Anlehnung an menschenrechtliche Leitbilder die Herausforderungen der Zukunft ausgehen. Ob es also zu den gleichen Ergebnissen gekommen wäre, wenn der Promovent ein »normales« Unternehmen der globalen Finanzindustrie untersucht hätte, ist fraglich. So ist dann nicht zu verhehlen, dass die vorliegende lesenswerte Untersuchung m. E. dann doch etwas zu optimistisch schließt.
Jörg Hübner

Erratum

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