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Rezension

Zeitschrifft für Bayerische Kirchengeschichte 81 (2012)

Hermann Sasse, der von 1933 bis 1949 an der Theologischen Fakultät der Universität Erlangen als Professor für Kirchen- und Dogmengeschichte gelehrt hat, hat in der Geschichte der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern einen unverwechselbaren Platz. Als überzeugter Lutheraner hat er das Leben der Landeskirche in der schweren Zeit des Nationalsozialismus aufmerksam begleitet. Er nahm an der Bekenntnissynode in Barmen 1934 teil, wenn er auch vorzeitig abgereist ist und nicht zu den Unterzeichnern gehörte. 1948 trat er jedoch im Protest gegen ihren Beitritt zur die Konfessionen vermischenden Evangelischen Kirche in Deutschland aus der Landeskirche aus und in die Evangelisch-Lutherische (altlutherische) Kirche über. Seit 1949 lebte und lehrte er in Australien, wo er 1976 gestorben ist.
Seine gesammelten Aufsätze, die in Deutschland sein Freund und Weggefährte Friedrich Wilhelm Hopf (1910–1982) herausgegeben hat, lagen bisher in zwei Bänden vor. Jetzt wird ein dritter Band unter dem gleichen Titel vorgelegt, der den Lesern weitere Texte aus Sasses Wirksamkeit in die Hand gibt. Die Herausgeber stellen der Sammlung eine »Historisch-biographische Einleitung« voran. »Es schien uns richtig und für solche, die heute, im ökumenischen Zeitalter und in weithin postchristlichen Verhältnissen, wie sie etwa in Mitteleuropa inzwischen vorherrschen, mit Ernst Lutheraner sein wollen, hilfreich, besondere Facetten und zusätzliche Gesichtspunkte des entschiedenen Lutheraners und weitherzigen Ökumenikers und in dieser Verbindung Mannes der Kirche Hermann Sasse an die Öffentlichkeit der Gegenwart zu bringen.« (S. 7) Die kritischen Bemerkungen von Erlanger Kollegen über Sasse werden zwar genau aufgerechnet, aber auf neuere doch beachtenswerte Darstellungen und Forschungen über Sasse und sein Wirken in Erlangen gehen die Herausgeber überhaupt nicht ein. Das vonseiten der Kirche gemeinsame Geleitwort des Bischofs der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche und des Präsidenten der Lutheran Church — Missouri-Synod betont: »Seine scharfsichtigen Analysen, seine für uns in der Rückschau geradezu prophetisch anmutenden Konsequenzen machen ihn auch heute noch lesenswert.« (S. 18)
In einigen Beiträgen werden dem Text neue Anmerkungen hinzugefügt, die ursprünglichen Anmerkungen des Autors zwar davon abgehoben, aber nicht wirklich auseinandergehalten. Eine Einleitung zu den einzelnen Texten gibt es nicht. Eine Notierung der alten Seitenwendungen kommt nicht vor. Die Texte sollen eben zu den Lesern von heute sprechen, und deshalb ist nicht weiter erwähnenswert, in welche Lage hinein sie einst konzipiert waren und wie sie in dieser Zeit gewirkt haben, oder wie man alte Bezugnahmen auf diese Texte historisch verifizieren könnte.
Sasses kompromissloses Eintreten gegen die Nationalsozialisten ist immer wieder erwähnt worden. Davon kann man in diesem Band auch Kostproben erhalten. Seine enge Arbeitsverbindung mit Landesbischof Meiser und der dann vollzogene Bruch klingen nur entfernt an, machen aber seinen Weg verständlicher. Oberkirchenrat Christian Stoll, Sasses Freund und Meisers Mitarbeiter, der 1946 zusammen mit Oberkirchenrat Wilhelm Bogner einem Autounfall zum Opfer fiel, wäre hier als Schlüsselfigur der Kontakte zwischen Sasse und Meiser in die Betrachtung einzubeziehen.
In den einzelnen Beiträgen tritt Sasses Stil deutlich vor Augen. Er kann auch bei der Lektüre heute noch Leser in seinen Bann ziehen und begeistern, wenn auch manche Urteile in ihrer Zuspitzung zeitgebunden sind und nicht ohne weiteres in die Gegenwart hinein zu stellen sind, sondern eigentlich der Übersetzung bedürfen. Seine ehemaligen Studenten haben immer wieder bezeugt, dass sie von seiner Vortragsart und Gedankenführung begeistert waren. Seine seelsorgerlichen Rundbriefe an Pfarrer zum Verständnis und zur Praxis von Taufe und Abendmahl (1944) verdienen auch heute Beachtung. In dieser Gattung (»Briefe an lutherische Pastoren«) hat er sich ja auch von Australien aus immer noch an seine deutschen Amtsbrüder gewandt.
Die zahlreichen Beiträge dieses Sammelbandes sind Texte aus dem Zeitraum 1929 bis 1944, die 1966 und 1972 von Friedrich Wilhelm Hopf und Sasse selbst noch nicht in die damals vorgelegten ersten beiden Aufsatzbände mit dem Titel »In statu confessionis« aufgenommen wurden. Hat man sie damals für weniger wichtig gehalten? Die Texte sind zuerst in verschiedenen damaligen Zeitschriften erschienen, teilweise auch nur hektographiert zur Verteilung gekommen. Unter den Zeitschriften steht neben der Allgemeinen Evangelisch-Lutherischen Kirchenzeitung auch die zeitweilig von Sasse herausgegebene Halbmonatsschrift des Martin-Luther-Bundes »Lutherische Kirche«. Da zeigt sich Sasses Engagement auch auf diesem Feld und in diesem Werk. So kommt es nicht von ungefähr, dass seine »Zeugnisse. Erlanger Predigten und Vorträge vor Gemeinden 1933–1944« (posthum hg. von Friedrich Wilhelm Hopf) 1979 im Martin-Luther-Verlag erschienen sind.
Hermann Sasse wird heute beim Bericht über die Theologie der Erlanger Fakultät in jenen Jahren oft nur marginal erwähnt oder gar ausgelassen. Insofern ist der vorgelegte Quellenband ein wichtiges Stück der Erinnerung. Man kann den Editoren dankbar sein, dass sie weitere Quellen leichter erreichbar gemacht haben. Der Band verdient auch unter Historikern Aufmerksamkeit. Sasse stand zwischen dem deutschen und dem englischsprachigen Luthertum, zwischen dem Luthertum in den Landeskirchen und der im Protest gegen die kirchliche Union entstandenen »konkordienlutherischen« (S. 12, Anm. 28) Konfessionalität derer, die sich um des Bekenntnisses willen von den Landeskirchen getrennt halten in Deutschland und in Übersee (auch in diesen Kreisen war Sasse und sein Schriftverständnis nicht unumstritten). Aber er verdient auf allen Seiten waches Interesse. Bezeichnend für sein theologisches Wirken ist seine Aussage: »Bekenntnistreue und echte Ökumenizität gehören zusammen.« (S. 16)
Mehr editorisch-historische Professionalität hätte dem Band gutgetan. Historische Einleitungen zum »Sitz im Leben« der Erstpublikationen wären wünschenswert gewesen. Das hätte die bleibende Aktualität seiner Analysen nicht relativiert, sondern gerade in ihrer Tiefendimension verständlich gemacht. In den Anmerkungen wäre klarer zu trennen gewesen zwischen den ur¬sprünglichen Anmerkungen, die der Autor selbst in seiner Zeit setzte, und denen der Editoren von heute. Zum Verständnis Sasses wäre es doch wichtig, sein Verhältnis zu den Kollegen in Erlangen nicht nur zu reduzieren auf die Frage, wie sie zum Nationalsozialismus gestanden haben — Sasse war entschiedener Gegner des Nationalsozialismus und der »Deutschen Christen«. Das erkennt man in den Beiträgen des vorliegenden Bandes sehr deutlich (siehe etwa: »Bekenntnis und Bekennen« [1937], S. 90-97). Aber die anderen Professoren der Theologischen Fakultät Erlangens waren bekanntlich — mit Ausnahme des Reformierten Theologen (der nicht Mitglied der Fakultät war) — auch keine Parteigenossen, wenn sie auch weniger offen mit ihrer Kritik am Staat hervorgetreten sind. Sasse wurde immerhin 1933 auf den Rat von Werner Elert nach Erlangen berufen, obwohl seine Ablehnung der Rassetheorie und die theologische Abrechnung mit Artikel 24 des Parteiprogramms der NSDAP im Kirchlichen Jahrbuch 1932 bekannt war, die bis heute besonders lesenswert ist (»Die Kirche und die politischen Mächte der Zeit«, abgedruckt in: In statu confessionis. Gesammelte Aufsätze von Hermann Sasse [Band 1], hg. von Friedrich Wilhelm Hopf, 1966, 21975, S. 252–264).
Gerhard Müller hat zum Verhältnis Sasses zu seinen Kollegen Quellen beleuchtet und sprechen lassen: »Hermann Sasse als Mitglied und Kritiker der Theologischen Fakultät der Universität Erlangen 1933 bis 1949«, in: ZBKG 75 (2006), S. 176–217. Auch dieser Beitrag gehört zu denen, die hier übergangen werden. Der Hinweis auf die Bibliographie von Ronald R. Feuerhahn »Hermann Sasse. A Bibliography« (Lanham & London 1995) wäre an hervorgehobener Stelle für den nicht mit den Zusammenhängen vertrauten Leser wertvoll gewesen. Andere Arbeiten Feuerhahns sind erwähnt, aber seine als Buch erschienene umfassende Hinführung zu den Quellen, die in Deutschland nicht genügend bekannt ist, wäre hier wünschenswert und gegebenenfalls weiterführend. Anzumerken ist noch: Sasse wurde in Sonnewalde in der Niederlausitz geboren und nicht in Sonnenwald (S. 8).
Rudolf Keller

Rezensierter Titel:

Umschlagbild: In statu confessionis III (herausgegeben von Werner Klän und Roland Ziegler)

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In statu confessionis III (herausgegeben von Werner Klän und Roland Ziegler)

Texte zu Union, Bekenntnis, Kirchenkampf und Ökumene
Sasse, Hermann/Klän, Werner/Ziegler, Roland/Harrison, Matthew/Voigt, Hans-Jörg

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