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Rezension

Zeitschrifft für Bayerische Kirchengeschichte 81 (2012)

»Vor 150 Jahren löste das Erscheinen der ›Lutherischen Dogmatik‹ von Karl Friedrich August Kahnis eine leidenschaftliche Diskussion darüber aus, ob ihr lutherischer Anspruch gerechtfertigt sei. Denn Kahnis vertrat den konfessionellen Standpunkt, indem er zugleich Anschluss an den wissenschaftlichen Diskurs seiner Zeit suchte, der von der historisch-kritischen Fragestellung geprägt war.« Der Verfasser, der als Professor das Fach Neues Testament an der Lutherischen Theologischen Hochschule in Oberursel bis zur Emeritierung gelehrt hat, möchte mit dieser theologiegeschichtlichen Untersuchung »an einem Punkt das Vermächtnis eines Stranges der Geschichte, die in der heutigen Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche aufgehoben ist, bewusst machen, der immer wieder die Anschlussfähigkeit an die jeweilige Theologische Diskussion seiner Zeit suchte« (S. 9).
Kahnis lehrte ab Oktober 1850 als Professor für Dogmatik in der Nachfolge von Adolph Harleß in der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig. So ist er bekannt geworden. Er setzte sich auch deutlich ein für die »Leipziger Mission«, in deren Vorstand der mitarbeitete. Er stammte aus Greiz, der Hauptstadt des Fürstentums Reuß ältere Linie, also aus einer damaligen Landeskirche, die sehr betont auf das lutherische Bekenntnis Wert legte. Als außerordentlicher Professor in Breslau schließt er sich zum Protest gegen die preußische Union der evangelisch-lutherischen Kirche in Preußen, den sogenannten Altlutheranern, an und bittet zum Ende des Sommersemesters 1850 um seine Entlassung. Wenig später erhielt er den Ruf nach Leipzig, wo er von nun an lehrte. Kirchlich blieb er der Entscheidung von Breslau für das lutherische Bekenntnis treu, übte das aber in Leipzig innerhalb der sächsischen Landeskirche aus, wirkte als Domherr in Meißen und bekleidete auch zeitweilig das Amt des Rektors der Universität, wirkte auch persönlich prägend für viele seiner Studenten.
Uns interessiert in diesem Rahmen vor allem, dass Kahnis eng mit Harleß zusammengehört, von diesem gefördert wurde und dessen Ämter in Leipzig übertragen bekam. Harleß hatte ja für die bayerische Kirche dann hohe Bedeutung. Kahnis brachte seine Schwester Luise Kahnis zu Wilhelm Löhe nach Neuendettelsau, wo sie Diakonisse wurde (S. 32f), hatte also von dieser Arbeit auch persönliche Anschauung. In Bayern hat sich vor allem Adolf von Stählin (geboren in Schmähingen bei Nördlingen [nicht Schähingen, S. 249, Anm. 373] und zuletzt Präsident des Oberkonsistoriums in München) deutlich mit Kahnis befasst, kritisch zwar, aber sehr intensiv. Man muss dabei sehen, dass er sich in ein intensives Gespräch mit Kahnis eingelassen hat und aus seinen Werken auch immer wieder zitiert und damit etwa das sehr positive Urteil von Kahnis über Löhe »transportiert« hat (RE 11, 1902, S. 585). Stählin, der die Landeskirche verteidigt, hat an diesem Punkt Löhes Distanzierung von der Landeskirche kritisiert und nachträglich auszubessern versucht. Das tat er ganz parallel auch mit Kahnis in der Konfessionsfrage (S. 251–253).
Wir können an dieser Stelle nur diese Hinweise geben auf ein Buch über einen angesehenen Vertreter des konfessionellen Luthertums, der die Grenzen auch nach Bayern übertreten hat und in Sachen Mission und Diaspora die Entwicklung in unserem Gebiet mit beeinflusst hat. Wir können auf das stattliche Buch hier nicht in seiner ganzen Breite eingehen und empfehlen es dem Leser. Dem Buch hätte es gut getan, wenn es sich noch deutlicher auf die historische Perspektive konzentriert und die Konfrontation mit heutiger systematisch-theologischer Brauchbarkeit weiter zurückgestellt hätte. Die Ansichten der Interpreten können nämlich sehr verschieden sein und sich wandeln, während vorurteilsfreie historische Aufarbeitung ihren Wert behält. Dennoch bleibt es ein wichtiges Verdienst dieses gründlich gearbeiteten Buches, dass hier der wenig bekannte Kahnis und sein Wirken untersucht und vorgestellt worden ist. Das Buch verdient Beachtung in der Reihe von neueren Studien über die Theologen dieser Zeit. In der Geschichte des bayerischen Luthertums war Kahnis ein von Manchen gefragter Gesprächspartner. Es lohnt sich, ihn zu kennen und damit auch die Beziehungen zwischen Erlangen und Leipzig besser verstehen zu können. – Ein wenig getrübt ist das Lesevergnügen durch eine beachtliche Zahl von Druckfehlern.
Rudolf Keller

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Festhalten und Fortschreiten

Karl Friedrich August Kahnis (1814-1888) als lutherischer Theologe
Stolle, Volker

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