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Rezension

Christ in der Gegenwart 15/2013

Was geschieht mit meinen Daten?
Spätestens hier schrillen bei vielen die Alarmglocken. Als oberstes Gebot für jede Bewegung im Internet gilt häufig noch, die eigene Privatsphäre möglichst durch Verschleierung und wohldosierte Preisgabe eigener Daten zu schützen. Denn die Verknüpfung und klare Zuordnung von Informationen zu einer Person gelten als die Währung im Internet, hinter der die großen Konzerne wie Google, Facebook, Apple und Amazon her sind. Mit den Usern, den potenziellen Konsumenten anderer Waren, lässt sich nämlich viel Geld verdienen. Der frühere, konventionelle Adresshandel für Werbezwecke wirkt da wie ein Dinosaurier. Datenschützer und Juristen betonen daher das »Recht auf informationelle Selbstbestimmung«, wonach der Einzelne festlegt, wie seine persönlichen Daten verwendet und wo sie gespeichert werden dürfen.
Doch das kann der Einzelne gar nicht leisten. Er will es meist auch gar nicht, weil er seine Identität entwickelt und lebt, indem er einen Teil davon preisgibt, ohne dass er vor aller Welt entblößt sein will. Auf diese Ambivalenz weist der Münsteraner Jurist Christoph Gieseler in dem Sammelband »Personen im Web 2.0« (Göttingen 2012) hin: Nutzer sozialer Netzwerke »möchten nicht über ihre Daten bestimmen, nicht ihre Privatheit aufgeben, sie möchten schlichtweg kommunizieren, ihre Persönlichkeit entfalten, Meinungen äußern«. Weil der Einzelne seine Identität nur im Austausch, in der Auseinandersetzung mit anderen, mit der Gesellschaft entwickeln und verwirklichen kann, darf er nicht mit dem Verweis auf mögliche Gefahren sozusagen gut gemeint davor bewahrt werden, sich zu offenbaren. Anstatt die Menschen im Netz, wo jede Kommunikation und Handlung immer schon »verdatet« ist, gegen die Datenpreisgabe zu schützen, braucht es Gieseler zufolge einen Schutz der Datenpreisgabe.
Mit diesem Perspektivwechsel ist weder die Gefahr gebannt, dass verfügbare Informationen über Personen kommerziell oder kriminell (aus)genutzt werden, noch bedeutet es, dass jede Selbstentblößung gutzuheißen ist. Dem Grundsatz zufolge muss dann aber nicht der Einzelne begründen, dass er sich etwa in Sozialen Netzwerken selbst entfaltet, sondern derjenige, der diese Daten vor allem in anderen Zusammenhängen speichern, nutzen oder mit anderen Informationen verknüpfen will. Das schützt den Einzelnen nicht davor, dass seine öffentlichen Handlungen auch Reaktionen bei anderen auslösen. Das ist meistens gerade gewollt. Wie auf der Straße muss man sich aber überlegen, was man tut oder sagt und vor allem wie laut und öffentlich.
Überhaupt ist ein Hauptmissverständnis, dass zwischen dem Internet und der »normalen« Welt unterschieden wird. Das als »virtuell« bezeichnete Netz ist aber nicht weniger wirklich als die reale Welt. Umgangsformen oder Gefahren unterscheiden sich im Internet, in älteren Medien oder der direkten zwischenmenschlichen Kommunikation kaum. So fragt der Berliner Piraten-Abgeordnete Christoph Lauer bei seiner Ankündigung, nicht mehr den Kurznachrichtendienst Twitter zu nutzen, ganz allgemein in der FAZ: »In was für ein Menschen- und Gesellschaftsbild lasse ich mich durch die Nutzung von Twitter eigentlich pressen? Ist es ein Wert, unbedarft jeden Gedanken, der vermeintlich in 140 Zeichen passt, in die Welt zu blasen? Soll jeder immer alles kommentieren? Möchten wir eine Diskussions- und Aufmerksamkeitskultur des Rauschens, das nur durch besonders laute und plakative Themen unterbrochen wird? War das nicht lange Zeit die Kritik an den klassischen Medien?«
So wie die Piraten den politischen Raum für diejenigen geöffnet haben, die die Welt vorwiegend über das weltweite Netz wahrnehmen, und so wie Unternehmen längst den Weg in die sozialen Netzwerke gefunden haben, weil sich ihre Kunden dort aufhalten, stellt die Social-Media-Managerin im Kommunikationsbüro der Katholischen Kirche in Oberösterreich, Andrea Mayer-Edoloeyi, auch für die Kirchen fest: »Etwas, das nicht im Internet zu finden ist, ›gibt es nicht‹.« Glaubensgemeinschaften, die das WorldWideWeb meiden, erreichen ganze Milieus nicht. Damit verfehlen sie im christlichen Fall ihren Auftrag, allen Völkern und allen Menschen die frohe Botschaft von Leben, Tod und Auferstehung Jesu Christi zu bringen (vgl. Mt 28,19f). Sie weigern sich auch, »jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt« (1 Petr 3,15), weil bereits das Fragen durch die fehlenden Präsenz im Internet verhindert wird. Denn »selbst bei Angeboten, die eine Auszeit von der ständigen Medienpräsenz vorschlagen, wird man/frau auf die Kommunikation dieser Angebote innerhalb des Mediums nicht verzichten können, um überhaupt wahrgenommen zu werden«, so Andrea Mayer-Edoloeyi in »Personen im Web 2.0«.
Gotteserfahrung Internet
Stellt Kirche die Glaubenskommunikation auf die Einstellung und die Ästhetik der postmodernen Milieus um und lässt sie sich auf die Kommunikationskultur in den sozialen Netzwerken ein, können - davon ist Andrea Mayer-Edoloeyi überzeugt - auch »Digital Natives« erreicht werden, und gleichzeitig deren Lebenswelten die Kirche durchdringen. Für diese doppelte Bewegung gibt es Beispiele: der hohe Stellenwert von Beziehungen, die das Netz weltweit ermöglicht, die dem christlichen Menschenbild entsprechende und in sozialen Netzwerken als existenziell empfundene Freiheit, das Leben selbst zu gestalten, die Entdeckung der Fastenzeit als Auszeit von der allgegenwärtigen intensiven Mediennutzung, Klosteraufenthalt oder andere Outdoor-Angebote weit weg von Internet und Handy, die aber dort gefunden werden müssen.
Doch die Kommunikation in sozialen Netzwerken gilt als weniger verbindlich, weniger wirklich als das direkte Gespräch mit Freunden und Bekannten. Gefühle könnten besser verborgen werden. Man könne sich dem anderen unbemerkt entziehen. Es sei schwer zu entscheiden, was echt und was nur vorgetäuscht ist. Der Gebrauch von Emoticons, den lächelnden, zwinkernden, traurigen oder erstaunten Gesichtern (Smileys), beweist, dass der Kommunikation per E-Mail im Chat oder auf Facebook etwas fehlt. Die evangelische Theologin Christina Costanza weist in »Personen im Web 2.0« darauf hin, dass die Kritiker computervermittelten Sprechens »die totale Transparenz des einen für den anderen« zum Ideal zwischenmenschlicher Kommunikation erheben. Doch für Costanza achten sich nicht die Menschen, die sich gegenseitig vermeintlich »ihr Innerstes enthüllen«, in herausragender Art und Weise, sondern diejenigen, welche die Gleichzeitigkeit von »Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, … Nähe und Distanz – Anwesenheit und Abwesenheit« des Gegenübers annehmen. Denn der andere ist »gerade darin Subjekt, dass er in der Kommunikation, also in der Mitteilung, immer auch unzugänglich bleibt«.
Diese Erfahrung von Nähe und Distanz gilt auch für die Gottesbeziehung. »Gott wird auch als Person als der menschlichen Vernunft entzogen und als ungegenständlich begriffen. Gott … ist nach Martin Luther gerade in seiner Abwesenheit erfahrbar, und er ist nach Karl Barth der sich in der Offenbarung zugleich verhüllende Gott. Die Nichtgegenständlichkeit und die Verborgenheit des personal verstandenen Gottes ist dem protestantischen Prinzip zufolge geradezu ein Kriterium für die Gotteserfahrung.« Damit wird die computervermittelte Kommunikation »eine von vielen ›kleinen Transzendenzen‹ …, die den lebensweltlichen Alltag auf die eine große Transzendenz hin durchsichtig werden lassen«.
Stephan U. Neumann (Auszug aus »Teilen 2.0«)

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Personen im Web 2.0

Kommunikationswissenschaftliche, ethische und anthropologische Zugänge zu einer Theologie der Social Media
Costanza, Christina/Ernst, Christina/Dahling-Sander, Christoph /Dreyer, Vera/Filipović, Alexander/Gieseler, Christoph /Kopjar, Karsten/Lück, Anne-Kathrin/Marx, Konstanze /Mayer-Edoloeyi, Andrea /Zeilinger, Thomas

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