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Rezension

Universität Göttingen, uni|inform Februar 2013

Interview mit der Herausgeberin des Buchs:

»Beten ist nicht wie E-Mail-Schreiben« - Göttinger Theologin Dr. Christina Costanza verknüpft virtuelle Kommunikation mit theologischen Fragen
Twitter, Facebook und Blogs sind einige Facetten der virtuellen Kommunikation, die auch als Web 2.0 bezeichnet werden. An der Universität Göttingen forscht Dr. Christina Costanza über Theologie und Social Media. Heike Ernestus sprach mit der Theologin über postende Bischöfe, Internet-Gottesdienste und die Kommunikation mit Gott.
Frau Costanza, welche Rolle spielen Soziale Netzwerke im Kirchenalltag? Der bayrische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm berichtet auf Facebook regelmäßig aus seinem Wirken, empfängt und beantwortet Kommentare. Der katholische Abt Martin Werlen nutzt Twitter als Verkündigungsmedium. Bei den Kirchen gibt es also Beispiele für eine gelungene Web 2.0-Praxis. Immer mehr Gemeinden stellen ihren Internetauftritt so um, dass es aktuelle Meldungen gibt, Gemeindemitglieder Kommentare posten können und der Auftritt auch ästhetisch der Netzkultur entspricht.
Sie beschäftigen sich wissenschaftlich mit Social Media. Warum? Ich habe festgestellt, dass das Web 2.0 zwar in Bereichen der Praktischen Theologie und der Medienethik wahrgenommen wird, aber weniger in meinem Fach, der Dogmatik. Wir beschäftigen uns mit der Verantwortung des christlichen Glaubens in der Gegenwart, das ist so etwas wie die Philosophie des Christentums. Ich frage zum Beispiel, wie sich das Wirklichkeitsverständnis verändert, wenn Menschen viel im Internet unterwegs sind. Wobei virtuell und real ja nicht einfach getrennt sind. Wenn ich eine E-Mail schreibe, kommuniziere ich ja trotzdem mit einem wirklichen Menschen.
Ist die klassische Theologie noch mit der aktuellen Entwicklung kompatibel? Ein ganz wichtiger Teil der Theologie ist die Anthropologie: Was ist der Mensch und was ist der Mensch gegenüber Gott? Wie funktioniert die Kommunikation untereinander und gegenüber Gott? Ich habe mich mit Telepräsenz beschäftigt, also mit dem Phänomen, dass ich mit jemandem kommuniziere, der nicht körperlich anwesend ist. Eine Begegnung im virtuellen Raum kann eine Tiefe des Gesprächs ermöglichen, die vielleicht anderswo gar nicht möglich ist. Wie von Daniel Glattauer in einem Roman beschrieben, in dem sich zwei Menschen nur über den Austausch von E-Mails kennen und lieben lernen. Als Theologin denke ich bei Telepräsenz sofort an die Gebetssituation oder an mein Nachdenken über Gott. Natürlich ist Beten nicht wie E-Mail-Schreiben, aber das Kommunizieren im virtuellen Raum bietet Anknüpfungsmöglichkeiten für die Theologie, wenn sie versucht zu erklären, was das Gebet eigentlich ist.
Welche Grenzen werden diskutiert? Die Diskussion konzentriert sich zum Beispiel auf die Frage, ob leibliche Präsenz für Gottesdienst oder Seelsorge unerlässlich ist. Kann man Abendmahl oder Taufe über das Internet feiern? Aktueller Stand: Internet-Gottesdienst ja, aber die Sakramente zum Beispiel haben dort keinen Platz. Eine weitere spannende Diskussion betrifft Einzelpersonen, die als Kirchenvertreter im Internet unterwegs sind: Wie persönlich müssen sie werden, um überhaupt gehört zu werden, und wie distanziert müssen sie dabei bleiben? Die Frage stellt sich auch, wenn ein Pfarrer einkaufen geht, im Internet ist sie aber mit höheren Risiken verbunden. Es ist schnell etwas getippt, was man gerne wieder zurücknehmen würde, und es wird von einer viel größeren Öffentlichkeit wahrgenommen als ein schlechter Witz im Dorfladen.
Können Sie sich vorstellen, dass in zehn Jahren ein virtueller Gottesdienst zum Alltag gehört? In anderen Lebensbereichen ist es für immer mehr Menschen ganz selbstverständlich, ihre Freunde im Netz zu treffen und das wird sicherlich auch in der Kirche so sein. Es gibt Skeptiker, die befürchten, dass der persönliche Austausch leidet, ich aber sehe die Entwicklung als große Chance. Junge Leute sind über Kurznachrichten und Smartphones gewissermaßen immer auch zugleich im Netz. Die Kirche würde einen Kommunikationsraum preisgeben, wenn sie sich da nicht bewegt.

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Rezensierter Titel:

Umschlagbild: Personen im Web 2.0

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Personen im Web 2.0

Kommunikationswissenschaftliche, ethische und anthropologische Zugänge zu einer Theologie der Social Media
Costanza, Christina/Ernst, Christina/Dahling-Sander, Christoph /Dreyer, Vera/Filipović, Alexander/Gieseler, Christoph /Kopjar, Karsten/Lück, Anne-Kathrin/Marx, Konstanze /Mayer-Edoloeyi, Andrea /Zeilinger, Thomas

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