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Rezension

Theologische Revue 06/2012

In ihrer auch als Diss. eingereichten Untersuchung vergleicht Katja Bruns die wissenschaftstheoretischen Grundlagen des Theologen Paul Tillich und des Biologen Kurt Goldstein und beschreibt den Dialog, der auf dieser Basis zwischen beiden entstand und auf beiden Seiten Frucht trug. Durch die Nachzeichnung der historischen Entwicklung will sie »ein wichtiges Stück europäischer und amerikanischer Wissenschaftsgeschichte des 20. Jh. sichtbar« (12) machen und zugleich einen systematischen Beitrag zum aktuellen naturwissenschaftlich-theologischen Dialog liefern.
Die Basis für die Analyse des Denkens von Paul Tillich stellt insbes. sein frühes Werk ›Das System der Wissenschaften nach Gegenständen und Methoden‹ dar, das die Vf.in als Ausgangspunkt seines Dialoginteresses sieht. Sie beginnt das erste, T. gewidmete Kap. mit einem Querblick durch die mannigfaltige Kritik, die dieses Werk von der zeitgenössischen Theologie erfahren hat. Dass diese Kritik zu Beginn dargestellt wird, erweist sich einerseits als anregend, dürfte den T.-unerfahrenen Leser aber überfordern. Leider wird sie im weiteren Verlauf wenig aufgegriffen, sodass die systematische Diskussion nur kurz gerät.
Im nächsten Schritt erarbeitet die Vf.in die Grundbegriffe des Wissenschaftsverständnisses von T. Dazu analysiert sie die für ihn fundamentalen Begriffe Denken und Sein. Indem sie T.s Denken mit zeitgenössischen Strömungen etwa des Neukantianismus und der Phänomenologie in Bezug setzt und so die Einflüsse auf sein Denken offenlegt, gelingt es ihr, T.s Anliegen und sein Konzept darzulegen und zu plausibilisieren. Es wird deutlich, wie T. gleichermaßen metaphysisches Denken und den empirischen Zugang zur Welt wertschätzt, voneinander abgrenzt und zugleich in produktive Beziehung setzt. Er will sowohl der »Mannigfaltigkeit des Individuellen« (47) als auch dem rational-kritischen Zugang zur Welt gerecht werden und dazu das statische Weltbild durch ein dynamisches ersetzen. In ihren weiteren Ausführungen stellt die Vf.in die T.'sche Position dar, die den normativ arbeitenden Geisteswissenschaften eine in gewissem Sinn vorrangige, eben normierende und das Prinzip von Erkenntnis reflektierende Rolle zuweist, was gerade im aktuellen Diskurs auf Widerstand reduktionistisch orientierter Vertreter der Philosophie und Naturwissenschaften stoßen dürfte und daher durchaus eine weitergehende Diskussion vertragen hätte. Dass T. weitere, höchst aktuelle Denkanstöße formulierte, zeigt sich in der Darstellung seiner Geist- und Freiheitskonzeption, die in Richtung aktueller panpsychistischer und auch Emergenz-Konzepte weist. Auch dass er die Besonderheit der Geistestätigkeit in ihrer Fähigkeit zur kreativen Eigenschöpfung sieht, die im wechselnden Verbinden von Konkretem mit Allgemeinem geschieht, erweist T. als anschlussfähigen Denker. Die Herausarbeitung dieser Anstöße ist ein höchst verdienstvolles Unterfangen, das das erste Kap. lesenswert macht.
Zuletzt wendet sich die Vf.in im ersten Kap. T.s Einteilung und Darstellung der Wissenschaftsdisziplinen zu und greift dabei insbes. die Zweiteilung in Seins-/Gestalt- und Geistes-/Normwissenschaften auf. Sie betont einige von T. herausgearbeitete Grundprinzipien, die klar gegliedert vorgestellt werden. T.s Grundlagenarbeit hat an Aktualität nichts eingebüßt und kann zum Verständnis der Disziplinen und zur Reflexion des Dialogs wesentlich beitragen, auch wenn einige seiner Thesen eine durchaus stärkere Diskussion vertragen würden, als sie von der Vf.in an dieser Stelle unternommen werden kann.
Das zweite Kap. stellt den Biologen Kurt Goldstein und seine wissenschaftstheoretischen Grundlagen vor. Betont werden sein philosophisches Interesse sowie sein explizites Unterfangen, das Verhältnis von Materie und Geist zu bedenken, womit er Grundlagenarbeit für sein neues Fach der Neurologie leistete. Die Vf.in verweist auf Immanuel Kant als eine philosophische Herkunft G.s, die seine Nähe zur T.'schen Aufteilung der Disziplinen begründet. Weiterhin legt sie den Einfluss Goethes offen, der G. die Vielfalt des Zugangs — insbes. mit Auge und Geist — zu einem Phänomen lehrte. Als dritter wird Ernst Cassirer vorgestellt, dessen Konzept eines aktiven freien Geistes, der Erkenntnis aktiv erzeugt, in G.s Denken eingeflossen ist.
Eine weitere Vertiefung erreicht die Vf.in, indem sie G.s Denken von dem simplen, zu seiner Zeit diskutierten Reflex- und Lokalisationstheorien und von der Psychoanalyse Freuds abgrenzt. Damit betont die Vf.in, dass G. Wert auf ein qualitatives Element legt, das in reduktionistischen Konzepten nicht zu finden, ist, und sich Zugängen zum Menschen verwahrt, die nicht die Einzelphänomene vom Ganzen her verstehen.
Es bleibt daher das Fazit der Vf.in, dass sich »beide Autoren in ihrer Problemdiagnose sehr ähnlich sind« (181), da sich beide gegen Vitalismus und Materialismus positionierten und die Vermittlung zwischen Allgemeinem und Besonderem ins Zentrum stellten. Folgerichtig kann das dritte Kap. des Buchs den Dialog der beiden Autoren behandeln. Dieser wird nicht anhand konkreter Begegnungen reflektiert — inwieweit es diese gab, wird außerhalb der Einleitung nur wenig thematisiert —, sondern indem zentrale verbindende Themen benannt und systematisch dargestellt werden.
Das erste große Thema, das die Vf.in behandelt, umfasst Angst, Furcht und Mut. Diese Wahl ist sinnvoll, da hiermit wichtige Begriffe beider Autoren aufgegriffen werden, die eine sowohl geistige als auch physische Seite besitzen und daher nur im Dialog sinnvoll behandelt werden können. Indem die existentielle Grundlage von Angst dargestellt wird, fällt der Blick auf den bereits im ersten Kap. dargelegten Seinsbegriff T.s. G. trägt zu dieser philosophischen Analyse eine Darstellung somatischer Aspekte bei, sodass im Dialog der Autoren die wechselseitige Bedingung körperlicher und geistiger Vorgänge deutlich wird und ein fundiertes ganzheitliches Bild entsteht, das die Vf.in nachzeichnet.
Das zweite Thema, das die Vf.in anhand einer Zusammenschau von G.s und T.s Erkenntnissen entwickelt, behandelt die menschliche Freiheit. Sie stellt G.s Untersuchungen zu Gehirnläsionen dar, die ihn dazu führten, den Wechsel zwischen abstraktem und konkretem Denken als zentrale Fähigkeit eines gesunden, kreativen Geistes zu sehen. Hier verortet er die Freiheit des Menschen, wie die Vf.in darlegt. Sie kann zeigen, dass T. sein Freiheitskonzept auf diese biologische Fundierung G.s baut. Beide sehen in der Selbsttranszendenz des Menschen die grundsätzliche Möglichkeit für Freiheit.
In ihrem Fazit attestiert die Vf.in Paul Tillich und Kurt Goldstein, die Entgegensetzung von Vernunft und Glaube, von objektiver Naturwissenschaft und subjektiver Religion aufgelöst zu haben und damit ein gelungenes Beispiel für einen fruchtbaren Dialog darzustellen. Sie macht glaubhaft, dass sowohl die wissenschaftstheoretischen Grundlagen als auch die konkreten Ergebnisse der beiden nach wie vor hochaktuell sind. Daher ist ihr Buch wertvoll und die Lektüre gewinnbringend. Was in dem Buch nicht ausreichend geleistet wird, ist die Übertragung auf die heutige Debatte. Das stellt allerdings kein Manko des Buches dar, sondern ein Desiderat für weitere Forschungsarbeit.
Patrick Becker

Rezensierter Titel:

Umschlagbild: Anthropologie zwischen Theologie und Naturwissenschaft bei Paul Tillich und Kurt Goldstein

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Anthropologie zwischen Theologie und Naturwissenschaft bei Paul Tillich und Kurt Goldstein

Historische Grundlagen und systematische Perspektiven
Bruns, Katja

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