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Rezension

Theologische Revue 5/2012

Die Zustimmung des Deutschen Bundestags (7. Juli 2011) für die eingeschränkte Erlaubnis der Präimplantationsdiagnostik (PID) für diejenigen Paare, die eine schwerwiegende Erbkrankheit in sich tragen bzw. mit einer Tot- oder Fehlgeburt ihres Kindes rechnen müssen, wird die jahrelange Diskussion um das Für und Wider der PID sicherlich nicht beenden. Bei der PID werden nach Durchführung einer In-Vitro-Fertilisation (IVF) bzw. einer intrazytoplasmatischen Spermieninjektion (ICSI) Zellen der Embryonen auf den befürchteten genetischen Defekt hin untersucht und dann je nach Befund in die Gebärmutter der Frau transferiert oder verworfen.
Die Argumente pro und contra PID lagen und liegen auf dem Tisch: Was von den PID-Gegnern als klare Diskriminierung von Menschen mit Behinderung und als staatlich nun sanktionierter Angriff auf das Lebensrecht embryonaler Menschen mit erheblichen gesellschaftlichen Auswirkungen bewertet wird, stellt für die PID-Befürworter eine dringend benötigte Maßnahme dar, um das Leiden von erblich belasteten Paaren mit Kinderwunsch zu mildern. Weitere Anwendungsmöglichkeiten der PID zur Steigerung der nach wie vor niedrigen Erfolgsraten von IVF-Schwangerschaften sowie die Möglichkeit ihrer Einführung als Screening-Verfahren weit über das Indikationenmodell hinaus könnten — analog zur mittlerweile flächendeckenden Pränataldiagnostik — möglicherweise ein Teil des Zukunftsszenarios von Schwangerschaft sein.
Daniela Reitz‘ Publikation »Wunschkinder« trifft sozusagen ins Herz dieser gesellschaftspolitischen Debatte. Die aktualisierte Diss. der Gynäkologin und Ethikerin an der Univ. Marburg aus dem Jahr 2008 ist zwar einige Monate vor der Abstimmung im Deutschen Bundestag erschienen, präjudiziert jedoch deren Ergebnis. Anders als der m. E. irreführende Haupttitel es vermuten lässt, der vermutlich aus verkaufstechnischen Gründen gewählt wurde (?), geht es keineswegs um Kinderwunschpaare bzw. um das Thema Menschen mit Behinderung, sondern um den Vergleich zweier hochkomplexer ethischer Entwürfe und ihre Anwendung auf die PID-Diskussion: Vorgestellt wird (1) der prinzipienethische Ansatz von Tom L. Beauchamp und James F. Childress, die mit ihrem Standardwerk »Principles of Biomedical Ethics« mittlerweile die 9. Auflage erreicht haben und aus keiner medizinethischen Bibliothek mehr wegzudenken sind. Im Vergleich dazu ist (2) der feministische Ansatz der kanadischen Philosophin Susan Sherwin weitgehend unbekannt. Ihr Hauptwerk »No Longer Patient« (1992), das ihre feministische Ethik der Gesundheitsversorgung (Health Care) begründet, ist ein Meilenstein feministischer Bioethik, wird aber — wie diese selbst — wenig beachtet oder rezipiert. Feministische Bioethik ist ein Teilbereich feministischer Ethik und wird unter diesem Namen in den USA seit ca. 20 Jahren betrieben. Ihre Wurzeln sind allerdings älter und reichen bis in die Abtreibungsdebatten der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Bis heute untersucht feministische Bioethik Entwicklungen der Biomedizin aus der Perspektive von Frauen, versteht ihre Analyseergebnisse aber nicht allein auf Frauen beschränkt, sondern als gesamtgesellschaftlich relevant. Allein die Tatsache, dass hier einmal eine feministische Stimme zur Bioethik ohne die üblichen Vorbehalte und Vorurteile gegen Feminismus gehört und angemessen präsentiert wird, ist also unbedingt zu würdigen.
R. stellt beide Ansätze einander gegenüber und fragt, welche Schlussfolgerungen aus Sicht der Prinzipienethik und aus Sicht der feministischen Ethik für die Debatte um die PID jeweils zu ziehen sind. Dabei lässt sie zunächst einmal die jeweiligen Werke der Autoren bzw. der Autorin selbst zu Wort kommen. Das Fazit sei an dieser Stelle vorweggenommen: Sowohl auf Grundlage von Beauchamps/Childress als auch auf Grundlage von Sherwins Ansatz lässt sich für die Legalisierung der PID unter begrenzenden und einschränkenden Bedingungen plädieren. Dies überrascht v. a. bei Sherwins Ansatz, stellt dieser doch weniger autonome individuelle Entscheidungen als ihren strukturellen und sozialen Kontext in den Mittelpunkt der Reflexion. Sherwin kritisiert die so häufige Reduktion des Autonomiebegriffs auf den »informed consent« und fordert ein relationales Autonomieverständnis, das den Blick für Asymmetrien und soziale Ungerechtigkeit in der Biomedizin schärft. Mit Blick auf den Kontext stellt sie fest, dass Reproduktionstechnologie die Fixierung von Frauen auf ihre Rolle als Mutter verstärke und damit den Leidensdruck auf Kinderwunschpaare noch erhöhe, anstatt ihn zu bekämpfen. IVF sei damit zwar als Zuwachs an Handlungsoptionen (agency) für einzelne Frauen zu bewerten, aber eben nur für Frauen, die gesellschaftlichen Idealvorstellungen der heterosexuellen und verheirateten »Mittelklasse-Frau« entsprechen. Von einem echten Autonomiezuwachs für alle Frauen könne in der Reproduktionsmedizin nicht die Rede sein. Zu wenig seien Frauen selbst an Entscheidungsprozessen beteiligt, zu dominant sei die Macht der meist männlichen Experten.
Leider hat sich Sherwin zur PID nicht geäußert, so dass R. sich mit Analogieschlüssen zur Reproduktionsmedizin bzw. dem Verweis auf ein persönliches Gespräch mit der Autorin behelfen muss, das ich gerne irgendwo im Anhang gelesen hätte. So bleibt einem nichts anderes übrig als der Autorin zu vertrauen, dass sie Sherwins Plädoyer für eine beschränkte Legalisierung von PID richtig wiedergibt, auch wenn dieses Plädoyer in starker Spannung zu Sherwins sonst sehr kritischer Haltung zu Biomedizin generell steht.
Sehr wertvoll sind die vielen Literaturhinweise auf die deutschsprachige Debatte, in der Ethikerinnen wie Sigrid Graumann, Regine Kollek oder Hille Haker dezidiert eine andere Position als Sherwin einnehmen. Tatsächlich spiegeln sowohl Beauchamps/Childress als auch Sherwins Ansatz spezifische Aspekte der nordamerikanischen Bioethikdebatte wider, die nicht ohne weiteres auf den deutschsprachigen Raum übertragen werden können, z. B. die Frage nach der Verteilungsgerechtigkeit im Gesundheitssystem.
Dem Grundanspruch einer kontextsensitiven Bioethik folgend zitiert R. immer wieder zwei Forschungsberichte ihres ehemaligen Doktorvaters Gerd Richter, Leiter der Ethikkommission der Univ. Marburg, in denen sowohl die Einschätzung von Experten als auch die Einschätzung der Bevölkerung zur PID und zum Status des Embryos abgefragt wurden. So aufschlussreich dies ist, so wünschenswert wäre es gewesen zu erwähnen, dass neben den Richter-Studien durchaus noch weitere und sehr groß angelegte Studien über die Einschätzung des Status des Embryos existieren, bspw. die europäische EDIGH-Studie über Pränataldiagnostik.
Abgesehen von solch kleinen Kritikpunkten kann Daniela Reitz‘ »Wunschkinder« jedoch uneingeschränkt empfohlen werden: Es ist der sehr gelungene und mutige Versuch, komplexe ethische Theorien für die Praxis fruchtbar zu machen und Orientierung zu gewinnen. Die Arbeit enthält darüber hinaus einen allgemein verständlichen Überblick über die politischen Debatten und die medizinisch-rechtlichen Aspekte von PID in Deutschland. Sie ist methodisch klar nachvollziehbar, umfassend und beschreitet mit der dezidierten, aber niemals unkritischen Würdigung der feministischen Perspektive Neuland. Ganz sicher gehört sie in jedes Bücherregal von Experten und Expertinnen aller Disziplinen, die sich mit PID befassen.
Angelika Walser

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Wunschkinder

Präimplantationsdiagnostik aus der Perspektive der Prinzipienethik und der feministischen Ethik
Reitz, Daniela

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