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Rezension

IANUS Nr. 32/2011

Lucius Annaeus Seneca ist ohne Zweifel einer der für uns wichtigsten Vermittler der stoischen Philosophie; zugleich ist kaum eine Beschäftigung mit Seneca denkbar, ohne auf den Hauptvorwurf gegen diesen einzugehen, er habe mit seiner Lebensführung, zumal mit seinem Reichtum seinen eigenen theoretischen Ansatz, sein eigenes stoisches Ideal geradezu desavouiert. Häufig wurde Seneca deswegen angegriffen, seltener wurde versucht, ihn zu verteidigen. In dieser Reihe steht der vorliegende Text. Jan-Wilhelm Beck, Professor für Klassische Philologie an der Universität Regensburg, liefert darin einen kritischen, am Ende jedoch positiven und wohlwollenden Blick auf das Leben des Philosophen, Nero-Erziehers und -Beraters und Politikers. In einzelnen Punkten kritisiert Becks Text Seneca zwar durchaus heftig; so wirft er ihm als dem Autor der »Apokolokyntosis« vor, er habe, gar nicht in sich ruhend, seinen Rachegedanken dem toten Claudius gegenüber freie Bahn gelassen; Beck schreibt von persönlicher Verunglimpfung und davon, dass Seneca hier moralisch nicht zu rechtfertigen wäre (S.43/4) – kurz, Senecas Verhalten sei hier dem eines stoischen Weisen geradezu diametral entgegengesetzt. Aber er teilt Senecas Leben und Entwicklung in vier Phasen ein; und erst am Ende stehe der Philosoph; gerade in der Zeit bis zu Neros Machtantritt sei Seneca keinesfalls nur Philosoph gewesen, sondern habe nach einer politischen Karriere gestrebt; früh habe er per¬sönlich Halt in der Philosophie gefunden, aber gerade in dieser Zeit sei er eher ein politischer Publizist gewesen. Am Ende seines Lebens aber, etwa vom Rückzug vom Hof an, sei sein Verhalten doch anders zu bewerten, sei er immer mehr zu dem Philosophen geworden, als den er sich schon früher stilisiert habe; zumal sein Sterben sei allenfalls in Details, etwa der (ansatzweisen) Selbstinszenierung nach dem Tod des Sokrates, zu kritisieren; grundsätzlich jedoch hätte die Nachwelt kein Recht, an Senecas philosophischer Lauterkeit am Ende seines Lebens zu zweifeln.
Der Autor teilt seinen Text in sieben Kapitel ein; Kapitelüberschriften wären hier zweifellos nützlich gewesen. In einem Anhang beschreibt Beck noch die Kritik am Stil Senecas; auch diese versucht er zu widerlegen. So sei »der von endloser Wiederholung geprägte Stil Senecas (...) das direkte Abbild seiner philosophischen Forderung nach einem nie endenden Kampf gegen das Schicksal mit dem steten Ringen um innere Unabhängigkeit, die jeden Tag aufs Neue nötig ist« (S.73); diesem Urteil muss man nicht zwingend folgen. Die Aussage, »seine spezielle, eindringliche Prosa« sei »als eigenständige Bereicherung der lateinischen Literatur zu schätzen« (S.74), ist aber wohl korrekt.
Ein ausführliches Literaturverzeichnis beschließt den lesenswerten Band.
Franz Holztrattner

Rezensierter Titel:

Umschlagbild: Aliter loqueris, aliter uiuis

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Aliter loqueris, aliter uiuis

Senecas philosophischer Anspruch und seine biographische Realität
Beck, Jan-Wilhelm

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