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Rezension

Lutherische Theologie und Kirche, 35. Jahrgang (2011) Heft 4

Vorsicht, dieses Buch kann Stress verursachen und überfordern, wenn man es als abzuarbeitenden Aufgabenkatalog für die eigene Gemeinde versteht! So sollte man es von vornherein nicht lesen, sondern als leidenschaftliches Plädoyer eines kirchlichen Praktikers, der biblisch motivierte Möglichkeiten kirchengemeindlichen Wirkens darstellt und bewirbt. Dabei blitzen hier und da auch entlastende Momente auf (»Gemeinden müssen sich nicht als Versager vorkommen, wenn sie nicht riesig sind« [159]), alles in allem ist das Plädoyer aber so leidenschaftlich, dass die geistliche Gelassenheit der Erlösten schon mal leiden kann und die Binsenweisheit »Weniger ist oft mehr« (224) sich erst wieder Bahn brechen muss.
Verfasser des grundlegenden, aus dem amerikanischen Englisch übersetzten Hauptteils ist der US-amerikanische Bischof Robert C. Schnase, »von Haus aus Lutheraner« (167), schon seit Kindheitstagen aber der methodistischen Kirche zugehörig. In der Darstellung wird dieser konfessionelle Hintergrund, ebenso wie der regional sprachliche, nicht nur durch die häufige Bezugnahme auf John Wesley deutlich; dies stellt aber kein Hindernis für anderskonfessionelle Gemeinden dar, sich mit den Inhalten gewinnbringend zu befassen.
Es geht Schnase um eine von Gott motivierte, auf Gott hin zielende hochwertige Gemeindearbeit, um ein »Streben nach Exzellenz im Dienst der Gemeinde«, das »aus dem tiefen Wunsch (kommt), für Gottes höchste Ziele unser Bestes zu geben« (166).
Einerseits bilden Stagnation und statistisch belegter Rückgang einen konkreten kirchlichen Hintergrund für das Plädoyer, andererseits basiert es auf bleibend gültigen biblischen Aussagen zur »Fruchtbarkeit« der Gemeinden, ihrem gottgewollten Wachstum im Inneren wie im Äußeren. Dabei sind Aufbruch und Kontinuität relevant: Von »tiefgreifende[r] Erneuerung« (155) ist die Rede, davon, »Veränderung [zu] wagen« (149), und von den fortwährenden Aufgaben dynamischer, fruchtbarer, wachsender Gemeinden – ein adjektivischer Dreiklang, der das Buch durchzieht: »Sie bleiben am Lernen, verbessern sich ständig und geben ihr Bestes« (155).
Fünf Kennzeichen für Leben und Wirken dynamischer, fruchtbarer, wachsender Gemeinden stellt Schnase vor.
»Radikale Gastfreundschaft« bezeichnet das erste Kennzeichen. Dabei geht es weniger um das missionarische Einladen; dennoch gehören gerade die Ausführungen zu »ganz natürliche[n] Einladungen« (38f) zu den besonders starken Passagen. Vor allem aber geht es um die Gastfreundschaft der Gemeinden den Menschen gegenüber, die den Weg zu ihr finden: um die Gastfreundschaft in der persönlichen Zuwendung und durch verschiedenste gemeindliche Angebote ebenso wie beispielsweise auch in der Öffentlichkeitsarbeit und in der Gestaltung der gemeindlichen Räume. Radikal meint dabei »völlig vom Üblichen abweichend, außerhalb der Norm, alle Erwartungen übertreffend« (27). Schon in diesem ersten Kapitel entsteht vor dem inneren Auge das Bild einer rastlos um Optimierung bemühten Mitarbeiterschaft, in der kaum Platz zu sein scheint für Mühselige und Beladene, für die eigene Bedürftigkeit. Das ist sicher der Schwerpunktsetzung der Darstellung geschuldet, bleibt aber als Problemanzeige von Bedeutung.
Das zweite Kennzeichen bezieht sich auf den gottesdienstlichen Bereich. Schnase plädiert dafür, dem gottesdienstlichen Geschehen höchste Aufmerksamkeit zu widmen, damit »leidenschaftliche Gottesdienste« gefeiert werden können: Leidenschaftliche Gottesdienste sind »echt, lebendig, kreativ und verständlich« (43), »frisch und ansprechend« (48), »attraktiv ... und zugleich theologisch tief gegründet« (51), »mitreißend« (54), sie sind »sorgfältig und glaubwürdig gestaltet« (60). Schnase geht dabei davon aus, dass an der Vorbereitung und Gestaltung der Gottesdienste in hohem Maße Gemeindeglieder beteiligt sind – es gibt ein »Leitungsteam« (52) – und spricht sich für eine Vielfalt der Formen aus, ohne sich eingehend liturgisch konkreten Anleitungen zu widmen. Insofern kommen auch Taufe und Abendmahl als »Gnadenmittel« nur summarisch in den Blick (65). Kritisch ist einerseits anzumerken, dass sowohl von den Mitwirkenden als auch von Mitfeiernden sehr pauschalierend positiv die Rede ist, was deren Einstellung und Erwartung angeht; hier scheint es ratsam, auch den ungeschönten Blick auf die weniger Motivierten in die gottesdienstliche Reflexions- und Gestaltungsarbeit einzubeziehen. Zum andern neigt der Verfasser in seinem begrüßenswerten Plädoyer für das permanente Bemühen um den Gottesdienst dazu, dem Sein gottesdienstlichen Lebens gegenüber dem Werden zu wenig gerecht zu werden: Es gilt doch, dass immer auch jetzt schon gottesdienstliches Geschehen durch die Kraft des Heiligen Geistes segensreiche Wirkung entfaltet. Unbeschadet dieser Anmerkungen gilt, dass Schnase gerade in diesem Kapitel eine Fülle ebenso praxistauglicher wie beherzigenswerter Einzelimpulse benennt, denen intensive Beachtung zu wünschen ist.
Das dritte Kennzeichen ist die »zielgerichtete Glaubensentwicklung«. Hier geht es Schnase darum, dass der einzelne Christ in Gemeinschaft mit anderen Christen in den verschiedensten gemeindlichen Gruppenangeboten – traditionellen ebenso wie modernen, auf Dauer angelegten ebenso wie projektierten – die Möglichkeit bekommt, seinem Glauben Wachstum angedeihen zu lassen. Dass dabei die Gemeinschaft zugespitzt als »Gnadenmittel« (95) bezeichnet wird und ob die eingeforderte Einbindung in gemeinschaftliche Angebote in ihrer Ausschließlichkeit (»Zum Wachsen in Christus ist freilich mehr als ein wöchentlicher Gottesdienstbesuch nötig« [78]. »Die Früchte des Geistes ... können nur in einem Netzwerk von Beziehungen entstehen« [82, Hervorhebung M.S.].) so aufgeht, kann berechtigt angefragt werden. Denn hier scheint die geistliche 1:1-Situation zwischen Gott und einem Menschen zu stark ausgeblendet. Gleichwohl verdient der mit Bezug auf Act 2,42 und Mt 18,20 hervorgehobene Aspekt der Gemeinschaft auch über den Gottesdienst hinaus Beachtung und bringt das Kapitel lohnende Anregungen für einen verantwortlich-sachgemäßen Umgang mit gemeindlichen Angeboten für Kirchglieder und solche, die es werden könnten.
Wer vom (erforderlichen) Wachstum des Glaubens spricht und von einer »immer intensivere[n] Beziehung zu Gott in Christus« (79), steht leicht in der Gefahr, die Spannung zwischen dem aus Wachstum angelegten Glauben und dem Senfkornglauben, dem die volle Verheißung gilt, wie auch dem Glauben des Schächers am Kreuz einseitig und seelsorglich nicht unproblematisch aufzulösen. Aber man kann und muss nicht immer alles sagen, vor allem, wenn es darum geht, bestimmte Aspekte pointiert zur Sprache zu bringen. Da mag auch heilige Einseitigkeit zulässig sein.
Schnase benennt eine Fülle verschiedenartiger Möglichkeiten für gemeinschaftliche Angebote: eine Fundgrube für Gemeinden und Gemeindeleitungen, eigene Überlegungen anzustellen. Das soll »zielgerichtet« geschehen: differenziert, bedarfsorientiert, bewusst, überlegt; aus Bestandsaufnahmen und konkreten Zielsetzungen folgen konkrete Maßnahmen. Dabei ist es wichtig, »keine Angst« zu haben: weder davor, »nur mit wenigen zu beginnen« (93), noch »vor Misserfolgen« (92) – ein knapper Hinweis, der inmitten deutlicher Handlungsempfehlungen daran erinnert, dass erlösten Christen ein Netz gespannt ist.
»Risikobereite Mission« ist das vierte Kennzeichen benannt. Mission ist dabei der »Dienst der Gemeinde, der sich nach außen richtet« (104) und der das praktizierte Tatzeugnis meint, das sich als sozial-diakonische Unterstützung, als Bauhilfe, als Entwicklungsdienst und als gesellschaftlich-politisches Engagement zeigt. Risikobereit ist es, wenn es eingefahren-vertraute Wege verlässt und sich in Situationen hineinbegibt, die außergewöhnlich und unwägbar sind und darum »Ungewissheit [,] ... Unannehmlichkeiten, Widerstand oder Opfer« mit sich bringen können (107); die Bereitschaft ist erforderlich, »Fehlschläge zu riskieren« (109) . Der Autor formuliert zugespitzt und damit zugleich auch überspitzt, wenn er behauptet, dass dort, wo risikobereite Mission nicht geschieht, »die Gemeinde (erstarrt) und ... nicht mehr fähig (ist), Menschen zu Jüngern und zu Jüngerinnen Jesu zu machen« (102). – Die tatkräftige Zuwendung ist missionarisch, weil »durch jede barmherzige Tat ... die Menschen in Berührung mit Christus selbst (kommen)« (106). Solcher Dienst bereichert aber nicht nur den Empfangenden, der tatkräftige Hilfe erfährt und dem solche Hilfe »eine Eingangstür zur Gemeinde und zu einem Leben mit Christus werden« kann (119), wobei Schnase dem Dienen Gnadenmittelcharakter zuerkennt (120), was – derart pointiert gesagt – missverstanden werden kann. Solcher Dienst bereichert auch die Gebenden, er »verändert Gemeinden« (101).
Es ist die Stärke dieses Kapitels, dass es Gemeinden dazu anleiten kann, ihr missionarisch-diakonisches Engagement auf den Prüfstand zu stellen, eine Bestandsaufnahme vorzunehmen und mögliche neue Aufgabenbereiche – gerade auch in ihrem jeweiligen konkreten Umfeld! – zu erschließen.
Das fünfte Kennzeichen schließlich ist das der »außerordentlichen Großzügigkeit« und betrifft die Frage nach den finanziellen Zuwendungen der Christen für ihre Gemeinde / Kirche. Dabei geht es um das proportionale Geben eines angemessenen Prozentsatzes des jeweiligen Einkommens mit dem Ziel, den Zehnten zu geben (124). Das Geben wird als »geistliche Disziplin« (145) dargestellt, Großzügigkeit als »Frucht des Geistes« (139), vom »Hineinwachsen in die Gnade des Gebens« (126) ist die Rede. Außerordentliche Großzügigkeit entfaltet positive Wirkung im Leben des Gebenden. Wie es um die Großzügigkeit eines Menschen gegenüber sich selbst steht, die wohl auch Beachtung verdient, wird nahezu vollständig ausgeblendet, was der Gesamtschau des Umgangs mit anvertrauten Mitteln nicht gerecht wird, aber der erklärten Einseitigkeit geschuldet ist.
(Außerordentliche) Großzügigkeit verändert und bereichert auch die empfangenden Gemeinden. Diese sind ihrerseits großzügig, indem sie anvertraute Gaben für übergemeindliche Aufgaben einsetzen. Der Abschnitt »Großzügigkeit gezielt fördern« (139–146) kann hervorragend als Seminareinheit für den Umgang mit dem Thema »Finanzen« in Gemeindeleitung, Verkündigung, Unterweisung und Seelsorge dienen.
In seinem abschließenden sechsten Kapitel »Das Beste geben und Frucht bringen« (149–172) legt Schnase die hohen Ansprüche an Leben und Wirken dynamischer, fruchtbarer, wachsender Gemeinden bündelnd und zuspitzend dar. Dabei hängt für den Verfasser alles von der »Bereitschaft ab, die fünf grundlegenden Kennzeichen verbindlich und vorbildlich umzusetzen ... Gemeinden, in denen sie fehlen, scheitern in ihrem missionarischen Auftrag. Eine Gemeinde, die auch nur eine dieser Aufgaben missachtet oder irgendeine davon nur mittelmäßig, unzuverlässig oder schlecht erfüllt, wird immer kleiner und selbstbezogener werden und schließlich absterben« (155). Hier wird man – bei aller Sympathie für die geistliche Leidenschaft des Autors – kritisch innehalten und fragen dürfen – etwa nach den Maßstäben, die Schnase bei der Bewertung gemeindlicher Arbeit in Ansatz bringen möchte, etwa nach der Gefahr, in verängstigten Aktionismus zu verfallen, etwa auch nach der Treue Gottes, der seine Kirche trotz seiner unvollkommenen Gemeinden baut.
Alles in allem lässt sich feststellen, dass der Autor zu eigenwilligen Aussagen neigt, die irritierend wirken können. Hier hält eine Scheinalternative im Gedankenflugs auf: »Menschen müssen wissen, dass wir nicht nur etwas brauchen, wovon, sondern wofür wir leben können; dass nicht das, was ich für mich nehme, sondern das, was ich von mir gebe, das Leben ausmacht« (23f). Dort lässt eine behauptete Logik Zweifel aufkommen: »Wenn Menschen von einer Gemeinde sagen, dass man sich da willkommen und geliebt fühle, dann blüht die Gemeinde auf« (37). Und auch sonst finden sich plakativ-gewagte Behauptungen, die sich wohl nur auf dem Hintergrund der diagnostizierten Leidenschaft richtig einordnen lassen: »Es gehört zum geheimnisvollen Handeln Gottes, dass jede gute Tat über das erwartete Resultat hinaus zwanzig weitere, völlig unerwartete hervorbringt« (114). Die Ausführungen weisen manche Längen und Wiederholungen auf. Sie sind leicht verständlich. Das Buch kommt ganz ohne wissenschaftlichen Apparat aus – enthält allerdings im Anhang ein von Achim Härtner besorgtes, gut fünfseitiges Literaturverzeichnis mit Titeln zur weiteren Lektüre.
Dem eigentlichen Werk von Schnase folgt ein von Dr. Friedemann Burkhardt erarbeiteter »Praxisteil« (173–230), der ein auf sechs Wochen angelegtes Gemeindeseminar zu den vorausgehenden sechs Kapiteln darstellt. Zu jeder Seminarwoche gehören tägliche Andachten, ein Gottesdienst zum jeweiligen Wochenthema, eine Gruppenaufgabe und ein Gruppentreffen. Während der Praxisteil für Inhalte und Gestaltung der Gottesdienste auf www.fruchtbare-gemeinden.de verweist, finden sich für die Andachten und Gruppentreffen Vorgaben und Impulse auf je einer Seite, wobei in den Andachten nach einem Bibelwort (leider nicht kenntlich gemachte) Zitate aus dem jeweiligen Kapitel sowie ein Gebetsimpuls und Seitenverweise auf das Kapitel (zur »Vertiefung«) folgen. Jeweils am sechsten Tag – der siebte ist dem Gruppentreffen vorbehalten – findet sich statt des Lektürehinweises zur Vertiefung eine »Gruppenaufgabe«; diese Aufgaben gehören durchweg zu den Stärken des Buches, weil sie hervorragend anleiten können zu einer Besinnung auf Geschichte, Gegenwart und Perspektiven gemeindlichen Tuns in den einzelnen Aufgabenbereichen, wie sie das Buch im Blick hat.
Nicht nur durch den abschließenden Praxisteil, auch durch Ausführungen im Hauptteil, durch die zahlreichen Praxisbeispiele in gesonderten Info-Kästen wie im laufenden Text oder durch die Fragen, die sich an jedes Kapitel anschließen, leitet das Buch – unbeschadet der kritischen Anmerkungen – ausgesprochen anregend an, sich (auch in Klein- und Kleinstgemeinden!) Fragen gemeindlichen Lebens gewinn-bringend zu widmen – sei es als Einzelperson, sei es auch in Gemeindegruppen und speziell in Leitungsgremien. Es eignet sich als Herausforderung, sich der Spannung zwischen Gabe und Aufgabe verantwortungsvoll zu stellen. Ergänzend zum Buch kann das Internetangebot www.fruchtbare-gemeinden.net genutzt werden.
Erwähnt sei, dass hier und da einzelne, beinahe exkursartige Passagen über ihren unmittelbaren Kontext hinaus bedeutsam sind und das Buch wertvoll machen, etwa die Ausführungen zu den Motiven für Mission (21.26), zur Rede zu Erfolg / Zahlen im Gemeindewachstum (158–160) oder zur Mitarbeiterpflege (93).
Michael Schätzel

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Fruchtbare Gemeinden und was sie auszeichnet

Schnase, Robert C./Burkhardt, Friedemann/Ruof, Klaus Ulrich/Schilling, Eberhard

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