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Rezension

Jahrbuch für Evangelikale Theologie 25 (2011)

Der Vf., methodistischer Pastor im Ruhestand, hat sich seit Jahren mit den drei Leitworten im Titel des vorliegenden Buches beschäftigt. Richtigerweise bekommt Th. Christlieb, Professor für praktische Theologie in Bonn und Mitinitiator der Gnadauer Gemeinschaftsbewegung, gegenüber den anderen Begriffen des Buchtitels eine besondere Betonung, denn in seiner Person versucht der Vf. Nähe und Distanz der drei »Bewegungen« zu beschreiben. Der Band ist eine Sammlung von sieben Aufsätzen, sechs davon sind schon andernorts erschienen, und einer Bibliographie zu Christlieb. Es liegt solchen Sammlungen inne, vor allem wenn es sich um ein relativ eingeschränktes Themenfeld (hier: Christlieb) handelt, dass häufig Wiederholungen auftreten, die das kontinuierliche Lesen gelegentlich mühsam machen. Die für die Zielsetzung des Vf. wichtigen Eckdaten werden in den einzelnen Beiträgen immer wieder erwähnt, ein biographischer oder thematischer Überblick über Christliebs Wirken fehlt. Das ist einerseits verständlich, da es sich nicht um eine biographische Monographie handelt, andererseits könnte der Buchtitel (die anderen Begriffe kommen sowohl auf dem Buchcover als auch auf dem Titelblatt nur als Untertitel vor) genau so etwas vermuten lassen. Wer also eine theologische Biographie und/oder theologische Aufarbeitung des Werkes von Theodor Christlieb erwartet, wird enttäuscht. Dies ist augenscheinlich nicht die Absicht des Bandes.
Man kann den Inhalt der sechs Aufsätze, die sich explizit mit Christlieb beschäftigen, — trotz eines jeweils etwas anders gelagerten Zugangs — so zusammenfassen: Christlieb, aus dem württembergischen Pietismus stammend, hatte in seiner Vikarszeit schon einen gewissen Kontakt zu den dortigen Methodisten (»Albrechtsbrüder«) und wurde durch seine Tätigkeit in der deutschen Gemeinde in London Islington aufgeschlossen für das ökumenische Miteinander der Konfessionen (»C. als Frühökumeniker«, 7-56) und den missionarischen Gemeindeaufbau englischer Freikirchen, v. a. der Methodisten, zu dem die »aggressive« (121) Großevangelisation, die sich an Religions- und Kirchenfremde wendete, gehörte. Das interdenominationelle Element äußerte sich in seiner — prominenten — Mitarbeit in der weltweiten Evangelischen Allianz. Zurück in Deutschland, zunächst als Pfarrer der Württembergischen Landeskirche in Friedrichshafen am Bodensee und dann als Professor für praktische Theologie in Bonn, wollte er die¬se im Impulse zugunsten einer geistlichen Erweckung in Deutschland aufneh¬men, scheiterte aber — so der cantus firmus des Vf. — an den staatsrechtlich verfassten deutschen Kirchen. Nach ersten Versuchen von Großevangelisationen (mit dem deutsch-amerikanischen Methodisten F. von Schlümbach) gelang es Christlieb mit einigen Freunden die »methodistischen« Ansätze von Evangelisation und einem damit verbundenen Bau einer »Freiwilligkeitsgemeinde« kirchlich — und zudem »deutsch« — zu »domestizieren" (Vf.: »disziplinieren": 175), indem der »Deutsche Evangelisationsverein« (1884), das »Johanneum« als Evangelistenschule (1886) und — als überregionale Konstruktion — die Gnadauer Pfingstkonferenzen (1888) bzw. der »Gnadauer Verband« (1897) gegründet wur¬den. Die — an sich nahe — Verbindung mit der evangelischen Allianz sei durch die — für Christlieb kirchenpolitisch nötige — Kurskorrektur nicht verloren gegangen, aber reduziert worden. Dieser Korrektur sei es zu verdanken, dass der Evangelisation in den deutschen Staatskirchen »wenigstens am Rande« (nämlich in der Gemeinschaftsbewegung) ein Raum gegeben worden sei. Zusammenfassend: Die Gemeinschaftsbewegung ist nach Ansicht des Vf. eigentlich ein (gerade noch) kirchlicher und deutscher »Methodismus«, was in den Selbstdarstellungen durch eine starke Betonung der reformatorischen und pietistischen Wurzeln zu verdecken versucht wurde. Der Vf. formuliert zwar an einer Stelle, es sei »nicht sachgerecht, die Gemeinschaftsbewegung als innerlandeskirchlichen Methodismus zu bezeichnen« (203), worin ihm sicher recht zu geben ist; aber diese Aussage widerspricht doch dem weitgehenden Duktus des ganzen Buches (vgl. 160: »Methodismus zu einer Art innerkirchlicher Gemeinschaftsbewegung«; Methodismus als »Mutterboden« der Gemeinschaftsbewegung, 207).
Dass sich die Gemeinschaftsbewegung unterschiedlicher Traditionsstränge verdankt, ist keine neue Erkenntnis und dass sie nicht ohne weiteres als »neupietistisch« bezeichnet werden kann (was vom Vf. problematisiert wird, 71, 172f, 203 u. ö.), ist (abgesehen von der Problematik dieses Begriffs) ebenso klar. Nach dem Vf. ist in der Gemeinschaftsbewegung eine »innerlandeskirchlich-methodistische Frömmigkeit« (193) realisiert worden. In einem Aufsatz (169-208) stellt er diese These als »Diskussionsbeitrag« (197) vor, indem er v. a. aus Christliebs Vortrag »Zur methodistischen Frage« (1882) zitiert (mit einigen methodischen Mängeln). Diese Diskussion gilt es aufzunehmen, etwa mit einer sorgfältigen Analyse der Ekklesiologie Christliebs, die vom Vf. nicht vorgenommen worden ist, was angesichts der intensiven Betonung Christliebs als »Frühökumeniker« ebenso wichtig gewesen wäre wie bei der Annahme eines »strategischen« (228 u. ö.) und »taktischen« (154) Vorgehens des »Kirchenpolitikers« Christlieb (181), »den Methodismus überflüssig« zu machen (47, 80, 133 u. ö.). Der Vf. unterscheidet häufig — zu Recht — zwischen der kirchlichen und sozialen Erscheinung des Methodismus einerseits und der »konfessionsneutralen« »methodistischen Frömmigkeit« andererseits (121). Deren Merkmale seien »ein theologisches Selbstverständnis von Kirche als Mission, das innerhalb sogenannter christlicher Länder zu einer dynamischen, fast aggressiven Evangelisation führte, die den einzelnen Hörer aufforderte, das Heil zu ergreifen.« Darin unter-scheide sich ein »jauchzende(r) Methodismus« mit seinem »positive(n) Menschenbild« von dem – und hier zitiert der Vf. von S. 9 der ersten Aufl. von Paul Fleischs »Die moderne Gemeinschaftsbewegung in Deutschland« (1903) – »oft sauersehenden und beständig seufzenden Pietismus«. Dass Fleisch jedoch diese Charakterisierung zu einer »jauchzende(n) Vollkommenheitslehre« (Hervorhebung v0; hier nach S. 11 der 2. Aufl. des genannten Werkes) ins Verhältnis setzt, die mit einer im Methodismus gelehrten Vollkommenheit zusammenhängt, »die durch ein dem Rechtfertigungserlebnis analoges Heiligungserlebnis, das den Menschen innerlich umwandelt, also dass die innewohnende Sünde weggenommen ist« (Fleisch, a. a. 0., 2. Aufl., 12), wird übergangen. Hier lässt sich die Präferenz des Vfs. bei der Literaturwahrnehmung nicht verleugnen. Dies geschieht auch gelegentlich in der Gewichtung einzelner Aussagen. So wird wohl niemand widersprechen, dass »bei den Wurzeln der Deutschen Gemeinschaftsbewegung die Einflüsse methodistischer Theologie nicht von der Hand zu weisen« seien (203). In welchem – qualitativen und quantitativen – Verhältnis sie zu anderen Einflüssen stehen, bleibt trotz der Ausführungen des Vfs. noch offen. Ebenso bleibt die theologische Biographie Christliebs trotz der bisherigen Arbeiten zu dem Bonner Theologen ein Desiderat.
Manche Detailfragen, die sich bei der Lektüre stellen (der Leser fragt sich etwa, was J. E. Goßner mit der Gemeinschaftsbewegung zu tun hat, der als Beispiel für solche genannt wird, die des Methodismus beschuldigt werden, 207), können hier nicht besprochen werden.
Etwas am Rande, wenn auch mit Schnittmengen zu den anderen Beiträgen steht schließlich der Aufsatz »J. Gottlob Pfleiderers Amerika-Reise 1880 und seine ökumenischen Erfahrungen« (249-280). Pfleiderer war der erste Leiter des »Johanneum«.
Neben den Aufsätzen beinhaltet der Band eine Bibliographie zu Christlieb, die diejenige von Schirrmacher bis ins Jahr 2005 ergänzt und auch einige weitere (wenngleich kleine) Publikationen Christliebs kennt. Durch ihre chronologische Ordnung (v. a. auch bei der »Literatur über Christlieb« leidet etwas die Übersicht, wenn etwa Neuauflagen jeweils im Kontext der 1. Aufl. – und nicht im entsprechenden Jahr – erscheinen). Der Band bietet einige Bilder und Faksimiles von Christliebautographen. Ein Namens-, Orts- und Sachregister erschließt den Band, ist aber nicht ganz fehlerfrei geblieben ist. Druckfehler und ungenaue Zitierungen und Quellenbelege, die nur punktuell überprüft wurden, können hier im Einzel¬nen nicht aufgeführt werden.
Klaus vom Orde

Rezensierter Titel:

Umschlagbild: Theodor Christlieb (1833-1889)

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Theodor Christlieb (1833-1889)

Die Methodisten, die Gemeinschaftsbewegung und die Evangelische Allianz
Voigt, Karl Heinz/Ohlemacher, Jörg

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