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Rezension

Jahrbuch für Evangelikale Theologie 25 (2011)

»Die Kirchwerdung [der methodistischen Kirche] war eher ein ursprünglich unbeabsichtigtes, fast zufälliges historisches Ereignis ...« (248). Ohne »theologische Eigenart. z. B. die Glaubenstaufe der Baptisten« (248) ist die »Tradierung der eigenen Geschichte von nicht zu unterschätzender Bedeutung« (248). Damit lässt sich — neben einer Vielzahl anderer Veröffentlichungen des Vf. — auch das vorliegende Buch verstehen. Es ist eine streng aus methodistischer Sicht geschriebene Geschichte der kirchlichen Entwicklung in Hamburg in der 2. Hälfte des 19. Jh.
Grob unterteilt handelt es sich bei dem vorliegenden Buch 1. um die Geschichte der Entstehung und der ersten Jahrzehnte der Entwicklung der sog. »bischöflichen Methodisten« in Hamburg, die v.a. über »Rückwanderergemeinden« aus Amerika über Bremen und andere Orte in Hamburg seit 1851 ihre Arbeit begannen. Dabei wird zwischen der Entwicklung der Gemeinden und der diakonischen Arbeit (Diakonissenwerk Bethanien) in der Beschreibung unterschieden, aber dabei die Klammer darin gesehen, dass sich Wort und Tat, Verkündigung und Diakonie im missionarischen Handeln verbinden (müssen). 2. Eine zweite Spur wird durch die Arbeit der sog. »Evangelischen Gemeinschaft« gelegt, die seit 1875 im Ruhrgebiet (Essen) die »Preußenmission» installierte und die dann u. a. nach Berlin und Hamburg kam. Auch hier wird in unterschiedlichen Kapi¬teln von der evangelistischen — und kirchenbildenden — Arbeit dieser Methodisten und der Entstehung des methodistischen Diakonissenwerks »Ebenezer in Hamburg unterschieden.
Beide große Abschnitte lesen sich im Grunde wie eine typische »Festschrift«-, in der durch reiche Kenntnis der methodistischen Quellen die Geschichte dargestellt wird. Damit wird ein wichtiger Baustein für eine — noch nicht geschriebene — Kirchengeschichte Hamburgs vorgelegt. Die Beachtung anderer Kirchen, Denominationen und Konfessionen geschieht — völlig nachvollziehbar — aus dem Blick der eigenen Kirche und erscheint – auch dies eher normal – manchmal apologetisch oder gar polemisch. Dies mag hier nur anhand von zwei Beispielen demonstriert werden. 1. Zur Ausgestaltung einer methodistischen Gemeinde gehört ganz typisch die »Sonntagsschularbeit«, die nicht nur zur religiösen Erziehung der eigenen Kinder dient, sondern auch »als eine Art Vorposten für nachfolgende Gemeindebildungen« (185). Dass gerade in Hamburg die Sonntagschularbeit schon lange vor der ersten methodistischen Aktivität durch frühe Baptisten (Rautenberg und Oncken) installiert wurde, erscheint nur en passant. Ausführlicher wird von der Initiative Richard Knights gesprochen, die für die baptistische Sonntagschularbeit in Hamburg den Boden bereitet habe (271—273). 2. Es könnte so erscheinen, als sei die Wirksamkeit methodistischer »Fabrikdiakonissen« (121) in Zusammenarbeit mit dem Harburger Fabrikanten Heinrich Traun um die Wende vom 19. zum 20. Jh., der gegen Ende der 1870-er Jahre eine betriebliche Kranken- und Sterbekasse und einen Bau- und Sparverein gründete, in Deutschland etwas Außergewöhnliches. Dass es Vergleichbares im Rahmen der erweck-liehen Tradition in Deutschland schon Jahrzehnte vorher gab, muss der Vf. bei seinem Thema nicht darstellen. aber etwas Besonderes, gar ein Spezifikum der Methodisten, war es keineswegs. Schon ein halbes Jahrhundert vorher hatte der zur Erweckungsbewegung gehörende Carl Mez in Freiburg i.B., dessen sozial verantwortliches Unternehmertum in ganz Deutschland bekannt war (u. a. durch seine Beiträge an den Evangelischen Kirchentagen und in Hamburg durch die »Fliegenden Blätter« aus dem Rauhen Haus). gewirkt. Ein langes Zitat über die Wirksamkeit der »Diakonissen für Fabrikarbeiterfamilien« (122) könnte dem Wortlaut nach auch aus einem Mez‘schen Votum stammen. Dies alles muss nicht in eine Darstellung methodistischer Wirksamkeit in Hamburg aufgenommen werden. Zusammen mit durchaus polemischen Bemerkungen zur »Staatskirche« führt das gezeichnete Bild aber an manchen Stellen über eine einfache kirchengeschichtliche Studie als Beitrag zur Hamburger Kirchengeschichte hinaus.
Dieser Eindruck wird dann durch den dritten großen Abschnitt verstärkt, der sich nachgerade eher in den praktisch-theologischen Fachbereich einordnen lässt. War schon bis dahin immer wieder über die Schwierigkeiten einer aus ländlicher Frömmigkeit oder der völlig anders gearteten Kirchlichkeit Nordamerikas stammenden missionarischen Bemühung in der Großstadt die Rede, so skizziert der Vf. in dem Kap. »Von Generation zu Generation — Weitergeben, aber wie?« (247—258) die besonderen Herausforderungen einer Bewegung, die, wie vorher immer wieder betont wird, »Reich Gottes bauen« will, aber — eigentlich — an einer Kirchengründung kein Interesse hat — und die dann doch sehr schnell (im Rahmen der damaligen politischen Möglichkeiten) und deutlich zu einer eigenen Kirche wird. Zunächst verweist er — wegen der gegenüber dem »protestantischen Hauptstrom« nur durch »Akzente« verschiedenen Theologie — auf »ein gewisses Identitätsdilemma« (249). »Methodistische« Merkmale wie »Verbindung von Glauben und Handeln«, Sendungsbewusstsein usw. (250) finden sich auch in anderen Denominationen. »Hohe Wertschätzung und Praktizierung persönlicher Frömmigkeit« (250) werden nun im Licht der sich durch Generationen entwickelnden Kirche thematisiert und es wird dabei festgestellt, dass sich »echte Frömmigkeit nicht weitergeben lässt« (250). Die Gefahr der Gesetzlichkeit als einer »leeren frommen Hülle- von ehemals echter Frömmigkeit (251) wird deutlich vor Augen gemalt. Hier wäre darüber nachzudenken, inwieweit ein »bloßer« formalistischer Konfessionalismus der »Staatskirchen" (um den Sprachgebrauch des Vf. zu verwenden) einfach durch bestimmte Formen individueller Frömmigkeit ersetzt wird — und somit beides als »sichtbare Weise« eines rechten Glaubens interpretiert wird. Spener etwa nennt die formale Berufung auf die Zugehörigkeit zur » wahren evangelischen Kirche« ebenso Heuchelei- wie manche Menschen Christen, die ihnen »gesetzlich« erscheinen, der Heuchlerei bezichtigen. Ebenso nachdenkenswert ist der Übergang von einer missionarisch-diakonischen Anfangsbewegung hin zu einer »Kirche des Mittelstands« (251). Als ein weiteres Problem benennt der Vf. die Entwicklung zu einer »Spartengemeinde" (252—254) und meint damit eine Art innerkirchlicher Vereinsmeierei, die die Einheit von in den verschiedenen Veranstaltungen der Gemeinde zusammenfindenden Gruppen von Glaubenden gefährdet. All dies sind Fragen, die sich aus der Betrachtung der Geschichte einer Kirche, die sich als erweckliche Alternative zu (verfestigten?) Kirchen verstanden hat, ergeben — und somit zum Lernfeld für heutige Bewegungen. Gemeinden und Kirchen wird, die mit dem gleichen Anspruch auftreten.
Viele Details der kenntnisreichen Darstellung können hier nicht besprochen werden — ebenso wenig wie historische Einschätzungen, denen widersprochen werden kann. Hinzuweisen ist noch auf den Aufbau des weltweiten ekklesialen (so wäre statt »ekklesiologischen« besser zu formulieren) Methodismus, der vorn Vf. als »Connexionalismus« (235) bezeichnet wird. Für die kirchenhistorische Forschung Hamburgs, aber auch die der erwecklichen Bewegungen der zweiten Hälfte des 19. Jhs. bietet sie reichlich Stoff. Darüber hinaus ist die Arbeit in Bezug auf die angedeuteten grundsätzlichen Fragen von Erweckung und Gemeinde auch für nicht in besonderem Maße an Kirchengeschichte Interessierten sehr anregend zu lesen.
Klaus vom Orde

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Umschlagbild: Methodistische Mission in Hamburg (1850—1900)

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Methodistische Mission in Hamburg (1850—1900)

Transatlantische Entwicklungen
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