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Rezension

Lutherische Theologie und Kirche, 34. Jahrgang (2010), Heft 4

Ein Praxisbuch verspricht der Titel dem Leser. Und Praxisbezug ist nötig in der Homiletik, da die Homiletik erst in der Praxis zu ihrem Ziel kommt. Allerdings habe ich mich als Leser gefragt: Kommt womöglich die theoretische Reflexion zu kurz, wenn die Praxis im Untertitel so stark betont wird?
Das vorliegende Buch gibt die Antwort darauf gleich im ersten, umfangreichen Hauptteil unter der Überschrift »Grundlagen«. Hier werden ausführlich, ohne ausschweifend zu werden, Grundfragen der Predigtarbeit behandelt. Das praktische Tun erhält so einen angemessen theoretischen Rahmen. Es ist äußerst erfreulich, dass die Autoren sich dabei auf der Höhe der homiletischen Diskussion bewegen – und zwar nicht nur der deutschen, sondern auch der nordamerikanischen. So zerstreut schon der erste Hauptteil alle Bedenken, hier würde die theoretische Reflexion zugunsten eines unreflektierten Pragmatismus zu kurz kommen. Besonders hervorzuheben ist an diesem ersten Teil, dass auch Prädikanten und Laienprediger in den Blick kommen und dass schon hier die Rolle der Hörer im Predigtgeschehen angemessen betont wird.
Der zweite Hauptteil bietet daran anschließend einen »Praktischen Leitfaden«. Die Erarbeitung von Text- und Themenpredigten werden vorgestellt, die Hörerorientierung wird auch praktisch entfaltet und Hinweise zum Aufbau einer Predigt finden ihren Platz (Kap. 2-4), bevor sich Überlegungen zum Predigtvortrag und zur Kontrolle der Predigt anschließen.
In diesem zweiten Hauptteil (konkret in den Kap. 2-4) haben die beiden Autoren auf eine ältere Vorlage von Rolf Heue und Reinhold Lindner zurückgegriffen. Und das tut dem Buch nicht gut. Die Brüche, die zwischen dem einleitenden Hauptteil und dem zweiten Hauptteil bestehen, sind unübersehbar. Ein Beispiel: Im ersten Hauptteil wird die Mitarbeit der Predigthörer im Predigtgeschehen betont und im Anschluss an Wilfried Engemann durchaus die »vieldeutige Predigt« als hohes Gut in den Blick genommen. Im zweiten Hauptteil sieht sich der Leser dann aber beispielsweise mit einer empirischen Umfrage von 1967 (!) konfrontiert, in der erhoben wurde, ob die Predigthörer die Predigt »richtig« verstanden haben (139). Und auch die Beispielpredigt von R. Lindner (81f), die die Hörer als »Fachleute im Hören von Predigten« (81) anspricht, lässt ihnen eben gerade keinen Raum, um selbst – und sei es auch nur gedanklich – zu Wort zu kommen, sondern diese Predigt bleibt eine Rede über das, was sich der Prediger zum Thema »Predigen« und „Predigthören“ denkt, ohne verschiedene Wahrnehmungen und unterschiedliche Erwartungen der Predigthörer im Blick zu haben.
Offensichtlich ist den Autoren des Bandes dieses Manko deutlich geworden. Denn der dritte Hauptteil, der unter der Überschrift »Vertiefung« firmiert, lässt sich leicht auch als Ergänzung dessen verstehen, was in der übernommenen Vorlage im zweiten Hauptteil zu kurz gekommen ist. Hier zeigt sich wieder die Stärke des Buches. Die eigentlichen Vf. entwickeln unter Aufnahme des Kommunikationsmodells von Friedemann Schulz von Thun und neuerer symboldidaktischer Ansätze äußerst praxisnahe Überlegungen zur Predigtarbeit. Da macht es wieder uneingeschränkt Freude, den Gedanken des Buches zu folgen.
So bleibt es am Ende paradox. Das Buch für die Praxis hat gerade im praktischen Teil seine Schwächen, aber immer dort, wo es sich an der neueren homiletischen Diskussion orientiert und von dort aus Perspektiven für die Praxis entwickelt, seine großen Stärken.
Ich wünsche diesem Buch nach der zweiten auch noch eine dritte Auflage – und das aus zweierlei Gründen: Erstens, weil diesem Buch eine weite Verbreitung zu wünschen ist – von einigen wenigen Aspekten, die sich im Detail noch kritisieren ließen (z.B. das Amtsverständnis und die eher untergeordnete Bedeutung der Exegese), einmal abgesehen – und zweitens, weil die Autoren so die Gelegenheit hätten, auch den zweiten Hauptteil noch einmal neu zu fassen. Das Buch ist es auf jeden Fall wert, an dieser Stelle noch einmal Arbeit zu investieren, um so die offensichtlichen Diskrepanzen zwischen neuem und altem Textbestand zu beseitigen.
Christoph Barnbrock

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