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Rezension

Aufklärung und Kritik 4/2010

 

Schon das Titelblatt des Buches gibt sogleich einiges zu denken: Das Abbild des Seneca ist Teil einer Doppelherme, deren andere Seite ausgerechnet Sokrates darstellt, das Urbild des Philosophen; das Werk stammt von Calidius aus dem 3. Jahrhundert und ist als aufeinander Bezug nehmende Gegenüberstellung wohl ähnlich einzuschätzen wie etwa die Doppelbiographien von Plutarch. Ist eine solche Parallele Sokrates-Seneca im Hinblick auf letzteren auch stichhaltig? Hat der Erzieher und zeitweilige Lenker Neros, zugleich einer der reichsten Männer seiner Zeit, Wasser gepredigt und Wein getrunken? Diese Frage im Buchtitel („Das Eine sagst du, ein anderes lebst du" – der Autor verwendet, was gewöhnungsbedürftig ist, stets für „v" und „u" nur das „u") ist schon unter den antiken Autoren strittig, und sie ist es bis heute geblieben.

Nicht allen Lesern werden die äußerlichen Lebensumstände Senecas, soweit sie bekannt sind, geläufig sein, daher hier einige Daten: Geboren ca. 1 n.u.Z. in Corduba (Cordoba/Spanien) als Sohn des auch rhetorisch gebildeten Seneca des Älteren, der dem Ritterstand angehörte, gelangte er noch als Kleinkind nach Rom, um in der Hauptstadt erzogen zu werden. Nach einer rhetorischen und philosophischen Ausbildung verfasste er bald erste Veröffentlichungen unter dem Einfluss vor allem stoischer Gedanken. Von Claudius wurde der auf Betreiben der Messalina ohne eigenes Verschulden im Jahr 41 nach Korsika verbannt, wo er sich zur öffentlichen Untätigkeit verurteilt acht Jahre philosophischen und naturwissenschaftlichen Studien hingab – seine Unzufriedenheit mit dieser Lage ließ er auch in seine damaligen Schriften einfließen, auf welchen Widerspruch zur stoischen „Seelenruhe" seine Kritiker wie Cassius Dio nur zu gerne verwiesen.Nach der Ermordung der ehebrecherischen Messalina heiratete Claudius in vierter Ehe Agrippina, die ihren Sohn Nero aus erster Ehe mitbrachte und von Claudius adoptieren ließ, obwohl dieser mit Britannicus aus der Ehe mit Messalina schon über einen Thronfolger verfügte. Um die Thronchancen des drei Jahre älteren Nero zu verbessern, bestellte Agrippina Seneca als dessen Erzieher, der damit endlich aus der Verbannung zurückkehren durfte, um bereits im Jahr 50 in Rom Prätor zu werden. Nach dem Tod des Claudius wurde Nero im Jahr 54 Kaiser, und ihm zur Seite standen die nächsten fünf Jahre Burrus und eben Seneca als Ratgeber und letzterer auch als Redenschreiber. Vor allem in dieser Zeit erwarb Seneca seinen großen Reichtum, denn Nero überhäufte ihn mit Geschenken – und es wäre sicherlichgefährlich für ihn gewesen, diese abzulehnen. Denn Nero zeigte schon früh seine andere Seite; bereits im Jahr 55 ließ er seinen Stiefbruder Britannicus vergiften, und im Jahr 59 seine eigene Mutter Agrippina – nach Tacitus war Seneca in diesen Mord direkt verwickelt. Nach dem Tod des Burrus im Jahr 62 wollte sich auch Seneca aus den Regierungsgeschäften zurückziehen und einen Großteil seines Vermögens an den Kaiser zurückschenken; beides lehnte dieser offiziell ab, aber seither gehörte Seneca nicht mehr dem inneren Machtzirkel an. Er zog sich auf sein Landgut zurück und widmete sich der philosophischen Schriftstellerei. Darin nahm er auch gegen die tyrannische Regierung Neros Stellung, so dass er wohl den geistigen Wegbereitern der Verschwörung des Piso zuzurechnen ist, in deren Verlauf ihm Nero den Befehl zum Selbstmord überbringen ließ, dem er denn auch 65 nachkam – in jeder Hinsicht gut darauf vorbereitet und seinem Vorbild Sokrates folgend.

Es ist auf den ersten Blick einleuchtend,dass eine solche Situation: einerseits verantwortlich für die Politik im Römischen Weltreich, andererseits den Einwirkungen des unberechenbaren Nero unterworfen, für einen Philosophen eigentlich unhaltbar ist; wird er doch immer wieder zu Handlungen gezwungen sein, die mit seinem eigentlichen Denken nicht zusammen gehen(können), ja, in direktem Widerspruch dazu stehen: aliter loqueris, aliter uiuis? Genau dieser Frage geht Jan-Wilhelm Beck entlang den Widersprüchen nach, die sich aus den Schriften und den darin geäußerten Ansprüchen und Einsichten Senecas einerseits und den Berichten der Historiker – vor allem Tacitus und Cassius Dio – andererseits ergeben und diskutiert die verschiedenen möglichen Sehweisen der Rolle Senecas von der Antike bis zu den heutigen Interpreten in einer ausgewogenen und gut nachvollziehbaren Weise, die vor allem eines zum Ziel hat: dem Menschen, Philosophen und Politiker Seneca gerecht zu werden, dabei sich von Vorurteilen freihält und die dafür notwendige Empathie mitbringt.

In sieben Kapiteln wird der Lebensgang Senecas und dessen wichtigste bekannte Stationen sowie deren Aussagekraft im Hinblick auf dessen ihm von Tacitus (um 58 – um 120) in der Sterbeszene in den Mund gelegten Satz diskutiert, dass er den Seinen „als Einziges und doch Schönstes" „ein Bild seines Lebens" hinterlasse. Tacitus jedenfalls scheint von dessen Vorbildhaftigkeit überzeugt gewesen zu sein, sonst würde er nicht in den Kapiteln 12-15 seiner Annalen so ausführlich und positiv Stellung beziehen. Cassius Dio (um 163 – nach 229) hingegen zeigt sich aus seiner senatorischen Sichtweise heraus als scharfer Kritiker der Widersprüche in Senecas Leben, gegen die sich dieser denn auch in seinen Werken vorauseilend verteidigte. So sucht Seneca sich etwa in „De beata vita" gegen den Vorwurf des Luxus und der Doppelmoral zu sichern – musste ihm doch bewusst sein, dass seine Klagen über die Verbannung, seine üble Satire (die „Verkürbissung") über den toten Claudius, seine Schmeicheleien gegenüber dem Kaiserhaus, seine Reden, die er für Nero auch in Hinsicht auf Verbrechensvertuschung verfasste, sein übergroßer Reichtum, dass all dies nur schlecht zum vorbildlichen Leben eines Philosophen passen konnte. „Alter loqueris, alter uiuis?"

Dieser Problemdisposition widmet sich einleitend Kapitel I des Buches, um in Kapitel II die Vorwürfe, wie sie sich im Einzelnen durchaus auch bei Tacitus, vor allem aber eben bei Cassius Dio finden, zu erörtern und zu bewerten:

– sein Hass auf Claudius wegen der Verbannung und seine Klagen darüber

– unnütze Studien als schlechter Einfluss auf die Jugend

– Neid auf andere erfolgreiche Literaten und Redner

– sexuelles Fehlverhalten, u.a. mit weiblichen Angehörigen des Kaiserhauses

– sein immenser Reichtum, basierend auf der gesuchten Nähe zum und Geschenken des Kaiserhaus, verbunden mit Schmeicheleien, Jagd auf Testamente und Zinswucher.

Diese Vorwürfe werden allerdings schon bei Tacitus und mehr noch vom Autor relativiert bzw. widerlegt, denn sie kommen von Neidern und interessierten Kreisen, die selbst Einfluss auf Nero erlangen wollen (und schließlich auch erlangten) und so Seneca in der öffentlichen Meinung herabsetzen wollen, um ihn auszuschalten. Insbesondere der Vorwurf des Reichtums geht ins Leere, war Seneca doch bereits von Haus aus begütert und hat an keiner Stelle Armut gepredigt – ihm geht es in seinen philosophischen Schriften diesbezüglich darum, auch angesichts des Verlustes von äußerlichen Gütern standhaft zu bleiben, und dies hat er durchaus glaubhaft gelebt, indem er etwa Nero bei seinem Rückzug aus der Politik die Rückgabe aller geschenkten Güter anbot und von der „Last des Reichtums" spricht. Unterstrichenwird dies von der einfachen Lebensweise Senecas nach diesem secessus,wo er auf seinem Gut „ein Leben ... allein mit Obst und Wasser, wie es für einen Philosophen angemessen scheint, einfach und ohne all den Luxus, der ihm noch immer zur Verfügung gestanden hätte", führte. (S. 27)

In Kapitel III schildert der Autor die reale Situation Senecas am Kaiserhof; seine hohe Stellung, zusammen mit Burrus dem Kaiser zur Seite zu stehen und seine Handlungen im Sinne der politischen Belange Roms anzuleiten, wirkte sich naturgemäß sowohl auf seine Lebensführung wie auch auf seine Möglichkeiten, sich schriftstellerisch zu äußern, ganz direkt und immens zurück.

War er doch damit täglichen Amtspflichten unterworfen (nichts war es mit der philosophischen Kontemplation, nach der er sich in den Schriften der 50iger Jahre zunächst nur sehnen konnte!), ebenfalls hatte sein Lebensstil dem hohen Amt zu entsprechen (Nero konnte wohl kaum von einem Kyniker wie Diogenes umgeben sein), und seine Äußerungsmöglichkeiten waren dadurch stark eingeschränkt, indem er auf den Kaiser wie auf die politischen Belange Rücksicht nehmen musste, wenn er seinen Einfluss auf diesen behalten wollte. Diese Stellung also brachte Seneca in jenen Zwiespalt, oft anders handeln zu müssen, als er es bei strikter Anwendungsmöglichkeit seiner eigenen Vorstellungen gehalten haben würde. Denn aus seiner Philosophie leitete er die Pflicht zu einer vita activa durchaus auch in politischer Hinsicht ab, und so geriet er hier objektiv gesehen in eine Kollision sich widersprechender Ideale, die unter den gegebenen Bedingungen nur schwer zu lösen war. Selbst Cassius Dio, der Seneca wahrlich nicht wohl will, bezeugt ab dem Jahr 54, mit dem nach Trajans Worten das beste Jahrfünft des ersten Jahrhunderts begann, dass die Regierungsführung durch Seneca und Burrus „möglichst gut und gerecht und von allen Seiten gleichermaßen gelobt" war. Gelang es in dieser Zeit den beiden doch noch einigermaßen, die schlimme Veranlagung Neros unter Kontrolle zu halten.

Aber es gibt natürlich konkret Kritikwürdiges im Verhalten Senecas, auch dies verschweigt der um Objektivität bemühte Autor keineswegs und scheut sich auch nicht, den Finger in die entsprechenden Wunden zu legen und trotz allen Verständnisses für die soeben geschilderte Lage entsprechende Wertungen abzugeben – in Kapitel IV werden daher die frühen und mittleren Schriften Senecas herangezogen, also in der Hauptsache seine Trostschriften sowie seine Tragödien. Erstere sind Seneca in mancher Hinsicht nur ein Vorwand, einmal, um karrierefördernde Schmeicheleien etwa gegenüber Caligula in die Öffentlichkeit zu tragen und seine Karriere zu fördern, bzw. um später gegen seine eigene Lage in der Verbannung in Korsika anzugehen, die er selbstmitleidig als Unglück empfindet und darstellt – eines Philosophen wohl kaum würdig, und offenbar nutzt er in all dieser Zeit Einfluss und Beziehungen, um seine Ziele zu erreichen.

Ist dies alles schon problematisch genug, so wird die Beurteilung Senecas mit der Übernahme der Regierung umso zwiespältiger, wenn in diese Zeit dann die durch Nero veranlassten Morde an Britannicus und Agrippina fallen, die natürlich von Seneca im ersten Falle durch passende Erklärungen gedeckt werden mussten, im zweiten Falle sogar durch eigene Mitwirkung vollendet wurden. Hier ist das Urteil des Autors eindeutig, daher hier ein längeres Zitat:

»Doch mit zunehmender Nähe zum Kaiserhaus, mit immer stärker werdender Kenntnis der maßgeblichen Gestalten und mit intimen Einblicken in die dortigen Vorgänge hätte ein Philosoph, angewidert und abgestoßen, von sich aus Distanz statt öffentlicher Karriere und einer unsinnigen, Heuchelei verlangenden Nähe zu einem solchen moralisch verkommenen Umfeld suchen müssen. Wenn Seneca später Neros Untaten, Brutalität und sogar Morde zu verschleiern hilft, wenn er für Nero lügt und beschönigt, ist dies positive Schadensbegrenzung im Sinne des römischen Reiches und somit eine übergeordnete Pflicht ... Wenn Seneca aber schon lange zuvor von sich aus und ohne zu einer derartigen Lebensweise gezwungen zu sein um Zugang zum Kaiserhof, um zweifelhafte Bekanntschaften und Freundschaften bemüht war und sich auf das unwürdige Treiben der Caligula-Schwestern eingelassen hat, ist dies zu verurteilen.« (S. 41-43)

Ein weiteres Argument für diese Einschätzung bieten die Tragödien Senecas, die als lateinische Nachdichtungen griechischer auf die Polis bezogener Stoffe unter den Bedingungen des Mittelpunktes eines Weltreiches naturgemäß schon von daher anders ausfallen müssen; sie können sich nicht mehr an eben diese Polisgemeinschaft wenden, als deren Spiegel und Überhöhung bei gleichzeitiger Katharsis sie im Wettstreit der Dichter einst dienten, um den Menschen in der neuen Sicht der Vernunft und des Ethischen mit dem Schicksal zu versöhnen – nein, Seneca schreibt einerseits für ein großstädtisches Publikum, das nicht nur mit panem et circenses unterhalten werden will, und so instrumentalisiert er in seinem Geltungsdrang als Dichter die alten Stoffe zu diesem Zweck. Gleichzeitig gibt ihm dies die Möglichkeit, einerseits seiner Zeit zumindest vorsichtig kritisch den Spiegel vorzuhalten sowie seine wichtigsten philosophischen Grundsätze einzustreuen, um damit womöglich auf die Bevölkerung ebenso wie auf das Kaiserhaus einzuwirken. Gleichzeitig bedient er sich, um das Publikum anzulocken, das sich an der realen Tötung von Gladiatoren und Tieren ergötzt, entsprechender Stilmittel: Er kann sich nicht genug tun an der Schilderung grausiger Einzelheiten – ebenso wie heute nicht genug Blut auf der Kinoleinwand fließen kann, die Schreckensereignisse nicht monströs genug sein können.

Auch in den Tragödien findet sich mithin eine gemischte Motivlage, wie sie im Zeitpunktvon deren Abfassung den Dichter und Philosophen Seneca selbst bewegt haben dürfte. Der Philosoph mischt sich zwar in den Text ein, dies aber eher plakativ, der Politiker kritisiert vorsichtig die eigenen Zeitumstände, um das Kaiserhaus in die gewünschte Richtung zu lenken, und der ehrgeizige Dichter will auf sein Publikum wirken – Seneca als ein Individuum auf dem Weg, das auf diesem erst selbst noch zu seiner philosophischen Bestimmung der Katharsis bedarf.

Im V. Kapitel versucht Beck die verschiedenen Aspekte der Persönlichkeit Senecas „unter einen Hut" zu bekommen und findet den roten Faden scherlich zu Recht im Willen Senecas zur vita activa unter Zugrundelegung der stoischen Philosophie: Das Individuum soll und muss sich dem Staat als dem Zentrum der öffentlichen Angelegenheiten, zu dieser Zeit in Rom verkörpert durch das Kaiserhaus, zur Verfügung stellen, um dafür sein Bestes zu geben und eben damit am Besten für alle mitzuwirken – im Grunde eine echt römische Einstellung aus den Zeiten der Republik, die aber unter den ganz anderen Voraussetzungen der Neronischen Herrschaft notwendig ins Dilemma führt. Die Abhängigkeit von den Handlungen des Kaisers, die ihn zur Beschönigung und sogar zur Beteiligung an dessen Mordtaten zwang, seine öffentliche glänzende Lebensführung als einer der Reichsten Roms (ohne sich mit dieser zu identifizieren) bilden einen Widerspruch zu seiner Philosophie, die ihn doch um der vita activa willen zugleich zwingt, so lang also möglich auf den Kaiser einzuwirken, um noch Schlimmeres zu verhindern. Mithin eine Kollision von Idealen und Pflichten, der unter den gegebenen Umständen nicht zu entgehen war, es sei denn, er hätte es gehalten, wie Platon es in seinem 7. Brief empfiehlt. »in diesem Fall soll sich der Weise ruhig verhalten und sich und die Stadt den Göttern anbefehlen.« Dies aber konnte und wollte Seneca zunächst (noch) nicht – dazu kommt es erst mit dem von Nero erzwungenen Rückzug von der Politik, der ihm sicher zunächst nicht leicht gefallen ist, aber ihn erst zur eigentlichen Besinnung und Konzentration kommen ließ, der wir seine wichtigsten philosophischen Schriften verdanken, auf Grund deren er heute hauptsächlich als Philosoph gesehen wird, obwohl dies nur den kleineren Teil seiner Biografie ausmacht. Sein von da an angestimmtes Lob der Muße ist nur auf diesem Hintergrund denkbar und durchaus auch eine, allerdings eben erzwungene, Abkehr von der vita activa hin zum láthe biósa (1) Epikurs. 

So mag der im Buchtitel angesprochene Widerspruch zwischen Reden und Handeln Senecas unter diesen Umständen nur ein scheinbarer sein, solange Seneca dem Ideal des politischen Handelns den Vorzug gab und sich auf Dinge einließ, die im Widerspruch zu seinen philosophischen Aussagen standen – welches Dilemma erst durch seinen Rückzug aus der Politik und seine durch Nero erzwungene Selbsttötung aufgelöst wurde, und darum geht es im kurzen VI. Kapitel des Buches, das man überschreiben könnte: „Neros Nachstellungen und die Inszenierung einer Selbsttötung à la Sokrates«.

Tacitus bezeugt nicht nur vorausgegangene Mordanschläge Neros auf Seneca mittels Gift, sondern gibt beiden in seinen Annalen sogar jeweils eine eigene Rede anlässlich des erzwungenen Rückzuges des letzteren; Seneca bittet darin um Entpflichtung von seinen politischen Ämtern, will die überreichen Schenkungen an den Staat zurückgeben und sich zu Studien zurückziehen; der sich verstellende Nero will dies alles nicht annehmen, sondern gibt vor, Seneca halten zu wollen. (2)

Im Laufe der Pisonischen Verschwörung wurde auch Seneca denunziert, ob zu Recht oder Unrecht, bleibt unklar, aber der Gehalt seiner philosophischen Schriften, in denen er auch den Tyrannenmord bejaht, wie sicherlich auch seine Mitwisserschaft an manchen Neronischen Verbrechen ließen Nero Senecas Tötung wohl geraten erscheinen.

Die Selbsttötung in drei Etappen: Aderöffnung, Gift, Erstickung im Bad, nachdem die beiden ersten Methoden nicht wirkten, können wohl kaum als »Inszenierung interpretiert werden, vielmehr wirkt inszeniert allein die Anähnlichung an die Sokratische Selbsttötung, die allerdings von der Antike durchaus akzeptiert wurde, man denke nur an die eingangs erwähnte Doppelherme. Seneca will, eben in Anlehnung an Sokrates, auch noch seinem Tod vorbildhafte Wirkung geben, damit seine Standhaftigkeit im Anhängen an seine philosophischen Ideale aufweisen und sein imago uitae (3) versiegeln: »uerbis opera concordent, concordet sermo cum uita.« (4) Und so kommt der Autor in seinem diese Übereinstimmung abwägenden VII. Kapitel zu einer sicherlich gerechtfertigten Bewertung: »Als Mann, der Zeit seines Lebens nach Aktivität strebte, ein rastloser Geist, der sich niemals auf seinen Reichtum und eine epikureische uita passiva zurückgezogen hat, der dem Druck des Schicksals in mehreren schwierigen Lebensphasen nicht nachgegeben, der nicht aufgegeben hat, der auf materielle Äußerlichkeiten verzichten konnte und seine Pflicht erfüllt hat, solange und so gut es ging, kann Seneca sein Leben als vorbildhaft empfunden haben. Und in der Tat, diesbezüglich ist er zu loben und keineswegs neidisch, kleinlich, verächtlich zu kritisieren. Gerade die Biographie Senecas mit seiner über ein bloßes Schrifttum hinausgehenden Lebensleistung in den 50er Jahren, mit Erfahrungen und Entbehrungen, ist es, die Respekt verlangt und die Bedeutung seiner späteren philosophischen Aussagen steigert.« (S. 63)

Der Anhang des Buches wendet den stilkritischen Anspruch Senecas: »talis fuit hominibus oratio, qualis uita« (5) auf diesen selbst an, denn schon zu eigenen Lebzeiten und bis heute wurde und wird die »silberne Latinität« Senecas gegenüber der »goldenen« eines Cicero kritisiert, bereits beginnend mit Caligula, der die Schaureden des ersteren als »Sand ohne Kalk« bezeichnet haben soll (S. 68). Auch die nachfolgenden Jahrhunderte sparen nicht mit Kritik, kommen aber nicht umhin, wie etwa Sueton, die Wirkung von Senecas Reden als höchst gefällig zu bezeichnen. Zu Recht betont hier der Autor, dass eine neue Zeit und Gesellschaftsverfassung einen neuen Stil hervorbringen wird, und dies ist Seneca zu seiner Zeit mit großer Wirkung gelungen, die ihm denn auch von seinen Zeitgenossen und nachfolgenden Schriftstellern geneidet wurde: »Statt antiker wie moderner Kritik an Senecas Art zu schreiben, ist seine spezielle, eindringliche Prosa als eigenständige Bereicherung der lateinischen Literatur zu schätzen.« (74)

Gut gesagt, und so gehören Senecas philosophische Schriften denn auch heute noch zum Fundus einer stoischen Philosophie, die ihre stärkende Wirkung auf das Individuum auszuüben vermag, und so wurden und werden sie über die Jahrhunderte immer wieder gerne gelesen.Gerne gelesen hat der Rezensent auch dieses Büchlein, das kenntnisreich die Quellen und Fakten zu Senecas Leben und Werk aufzeigt, diese in den Äußerungen antiker wie moderner Kritiker spiegelt, und am Ende zu einer gerechten, von empathischem Mitgehen getragenen Würdigunggelangt, mit der die Titelfrage des Buches nach der Übereinstimmung von Rede und Leben positiv beantwortet wird.

Helmut Walther (Nürnberg)

 

 

»Lebe im Verborgenen!« »Worte und Werke sollen übereinstimmen, eins seiRede mit dem Leben.« (S. 65; Übersetzung d. Verf.)»Wie beschaffen der Menschen Redeweise geraten war, entsprechend auch ihr Leben.« (Übersetzung d. Verf.); oder einfacher: »Sag mir, wie du redest (bzw. schreibst), und ich sage dir, wer du bist.«

 

 

 

 

 

 

 

   

 

(2) Tacitus, Annalen, in Cornelius Tacitus, Sämtlichem erhaltene Werke, Phaidon Verlag Stuttgart, S. 631 ff.

(3) übers.: Das Bild seines Lebens

(4)

(5)

Anmerkungen:

(1)

Rezensierter Titel:

Umschlagbild: Aliter loqueris, aliter uiuis

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