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Rezension

JETh 16 (2002) Rezensionen Praktische Theologie

Homiletik
»Wie Herbst/Schneider […] ist auch dieser Titel eine Gemeinschaftsproduktion, diesmal der beiden Praktischen Theologen am Theologischen Seminar der Evang. Methodistischen Kirche in Reutlingen. Sie beginnen mit "Theologischen Klärungen", die aber nicht exemplarisch angelegt sind, sondern das breite Feld der homiletischen Grundfragen abdecken, ohne jedoch im Rahmen dieses "praxisorientierten Lehrbuches" "die nötige wissenschaftliche Breite" (S.15) der Diskussion erreichen zu wollen. Um der Forderung nach der sog. "inklusiven Sprache" gerecht zu werden, stellen die Verfasser zunächst sämtliche Berufsbezeichnungen auch in längeren Aufzählungen in maskulinen und femininen Formen nebeneinander, benutzen gezielt Gerundiums- und Abstraktformen und schreiben die Hauptkapitel abwechselnd aus sog. männlicher und weiblicher Perspektive (S.14). Der breite Rand der Seiten enthält Gliederungsmerkmale und zusammenfassende Stichworte des Textes und lädt zu eigenen Randnotizen ein. Einige Skizzen und Graphiken lockern das Druckbild auf. — Nach den Grundlagen in Teil A folgt in Teil B ein praktischer Leitfaden in fünf Schritten, von denen die ersten drei aus einem aktualisierten Nachdruck von R. Heue / R. Lindner, "Predigen lernen" (1976) bestehen. Teil C stellt eine Vertiefung zur Predigt "als Kommunikation des Evangeliums" dar, die auch Elemente kreativer Verkündigungspraxis enthält. Das abschließende Literaturverzeichnis nimmt u. a. ausführlich "Gestaltungshilfen für die Predigt" (Vorlesegeschichte, Weltliteratur, symboldidaktische Materialen, Humor u. ä., S. 217ff) auf.
Ausgehend vom Dilemma der Predigt, wie es K. Barth 1922 beschrieben hat, wollen Härtner/Eschmann zum Predigen ermutigen (vgl. S. 121), weil es in Gottes Bundeszusage begründet ist. Neben Gottes Auftrag erinnern die Verfasser zudem an die "Erfahrung der Liebe Gottes" durch die Verkündiger, die sie bewegt, von dem zu reden "was sie befreit hat und zutiefst betrifft". So ist "das Reden von der barmherzigen Zuwendung Gottes zu seiner Schöpfung ... ein Herzensanliegen" (S. 16) und "macht Freude" (mit R. Bohren, S. 17). Entsprechend nehmen sie eine Predigtdefiniton von W. Trillhaas (1983) auf, die den Inhalt der Predigt im "'alten' Evangelium" verankert (S. 17). Dieser am "Geschenk der Liebe Christi" (S. 16) und stark an der Erfahrung orientierte Ansatz durchzieht das ganze Buch. So gelten die biblischen Inhalte "als Zeugnisse von Gotteserfahrungen aus vergangener Zeit" (S. 157), und die Glaubwürdigkeit des Predigers hängt wesentlich an seinem Bemühen, "sich in die Situation der Menschen einzufühlen, zu denen man spricht" (mit H. M. Müller, S. 23). — Da aber Gott selbst "über Wert und Unwert des Predigens" entscheidet (mit R. Bohren) und "das Wort in der heiligen Handlung ... mit heiliger Kraft [erfüllt ist]" (M. Josuttis, S. 28) "gewinnt die spirituelle Dimension an Bedeutung" (S. 29), das Gebet auch in der Arbeit an der Predigt (S. 30). Härtner/Eschmann warnen aber — ebenfalls unter Hinweis auf Bohrens "theonome Reziprozität" - sogleich vor der Flucht in die menschliche Faulheit und erinnern daran, dass "der Heilige Geist ... das menschliche Tun in seinen Dienst nimmt" (ebd.).
Der Abschnitt über "Rahmenbedingungen der Predigt heute" geht über Herbst/Schneider hinaus und lokalisiert die vorliegende Homiletik in ihrer Zeit (S. 35). Dabei werden die gängigen Thesen zur Postmoderne im Anschluss an U. Beck, G. Schulze und A. Grötzinger vorgestellt. — Unvergleichlich knapper als Herbst/Schneider wird zu Beginn des praktischen Leitfadens im 2. Kapitel der Weg vom Text zur Predigt in 10 Schritten auf sechs Seiten bzw. der Weg vom Thema zur Predigt auf drei Seiten skizziert. Jeweils ein Predigt- und Andachtsbeispiel runden dieses Kapitel ab. Anders als Herbst/Schneider sucht das erste, persönliche "Gespräch mit dem Text" (S. 44f) vor allem eigene Gefühle und Erinnerungen (u .a. Faszinationen, Ärgernisse, Assoziationen) und Stichworte für die weitere Klärung auf. Danach folgt bereits das "Gespräch mit den Hörerinnen" (S. 45f), bevor sich Exegese, Lektüre der Predigtliteratur, eine schöpferische Pause, ordnende und kreative Arbeitsschritte und der Predigtvortrag anschließen. Aus dieser Aufzählung werden nun in den folgenden Kapiteln einzelne Arbeitsschritte vertieft. Dabei treten die eigentlichen homiletischen Aufgaben in den Vordergrund, während die persönliche Frömmigkeit und die Exegese nicht weiter besprochen werden. — "Für Hörer predigen" ist der Titel des dritten Kapitels, in dem es im Wesentlichen um drei Empfangsbereiche bei Hörern geht, um Gefühl, Wille und Verstand, und die zugehörigen Predigttypen, die entsprechend als gewissmachend, herausfordernd und informierend charakterisiert werden (Übersicht S. 74). Fragen für Hörer ("Bitte beschreiben Sie, was Sie ... empfinden", S. 85) und für Prediger ("Haben Sie Hemmungen herausfordernd zu predigen?", S. 92) beenden immer wieder einzelne Abschnitte der Darstellung. — Das vierte Kapitel geht dem "Aufbau der Predigt" nach, die den Hörerinnen das Zuhören leichter machen soll. Dazu werden ausführlich Strukturen und Modelle des Erzählens erörtert (S. 96-106). Einen zweiten Schwerpunkt bilden Regeln und Modelle des Predigtaufbaus, wobei das lernpsychologische Modell (S, 113ff) den breitesten Raum und die deutlichste Aktualisierung (Verweise auf Bukowski und Brinkmann) erfährt. — Kapitel 5 trägt dann in Anlehnung an W. Klippert viele, sehr praktische Impulse für den "Predigtvortrag" zusammen. Auch wenn die Verfasser dabei für die freie Predigt eine Lanze brechen, ist sie "weder das Maß aller Dinge noch jedermanns Ding" (S. 126). Darüber hinaus kommt der Kontakt zur Gemeinde über Blick, Stimme, Gestik und Mimik in den Blick. Entlastend sind die Gedanken über die Predigtangst (S. 132-134) und zum Umgang mit Pannen (S. 134). Tuckolskys "Ratschläge für einen schlechten Redner" (S. 135f) beenden das Kapitel (Zitat: "Fange nie mit dem Anfang an, sondern immer drei Meilen vor dem Anfang!"). — Zwanzig Seiten des Buches sind der "Kontrolle der Predigt" gewidmet. Gruppenkontrollmodelle (Predigtnachgespräch, Predigtanalyse) und Eigenkontrolle werden im Anschluss an Heue/Lindner weiterentwickelt. Dabei enthält die Selbstkontrolle Elemente, die Herbst/Schneider in die Predigtvorbereitung eingearbeitet hatten, z. B. die Predigt als "Spreche" (S. 150). Ein Tugendkatalog (S. 153f) rundet das Kapitel ab (z. B.: "Phrasen habe ich mir verkniffen. Sie sind wie ... Nüsse ohne Kern").
Die Vertiefungen in Teil C deklinieren zunächst den Begriff der "Kommunikation des Evangeliums" vor allem im Anschluss an E. Lange (S. 159f) durch. Bei der Erläuterung des Evangeliums werden mehr als sonst nicht nur theologische Seitenreferenten als Beleg angeboten, sondern unmittelbar biblische Texte. Als Zielpunkt des Evangeliums gilt "umfassendes, gelingendes Leben (hebräisch: Schalom)" (S. 161). Umfassend werden anschließend zwei kommunikationstheoretische Entwürfe vorgestellt und dann das Hamburger Modell (F. Schulz von Thun) mit seinen vier Predigtaspekten (Sache, Selbstoffenbarung, Beziehung, Appell) auf die Predigtaufgabe angewandt. Eine Beispielpredigt beschließt dieses Kapitel. — Drei Beispiele, um "kommunikativ zu predigen" werden im letzten Kapitel entfaltet: Josuttis (und W. Bubs) Überlegungen zum "Ich" auf der Kanzel (S. 193ff), die Benutzung von Symbolen in ihrer religiösen Dimension (u. a. mit P. Tillich S. 197-210) und die Bedeutung des Humors für die Predigt (S. 210-213).«

Wolfang Becker

Rezensierter Titel:

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Predigen lernen

Ein Lehrbuch für die Praxis
Härtner, Achim/Eschmann, Holger

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